Sophie Tieck, die nicht mehr vergessene Schriftstellerin

(1775-1833)

Als Anfang der 1980er Jahre Luise Pusch ihr Buch „Schwestern berühmter Männer“ konzipierte, stellte ich gerade meine Anthologie mit Gartenschilderungen der Goethezeit zusammen: „Bäume pflanzen wie die Wolken“ (1986). Da ich also in diese Epoche eingelesen war, schlug Luise Pusch mir vor, über Sophie Tieck zu forschen, die sie nicht mehr in ihren Band aufnehmen konnte (1985). Daraus entstand mein Projekt eines „Sophie-Tieck-Lesebuchs“ mit Erzählungen, Gedichten, Briefen, für das ich damals jedoch keinen Verlag gewinnen konnte. 

Der folgende Text war 1983 als Vorwort zu diesem „Lesebuch“ gedacht. Da sich der Blick auf Sophie Tieck inzwischen geändert hat, ein solches Vorhaben verwirklicht ist und mehrere neue Ausgaben ihrer Werke vorliegen, füge ich diesem Text nun, 2025, ein „Nachwort“ hinzu.

Doch zuerst die Fassung von 1983:

Sophie Tieck – „Schwester eines berühmten Mannes“

Nur wer sich mit Leben und Werk von Ludwig Tieck befasst hat, weiß von ihr. Mit einigen Sätzen wird sie von allen seinen Biographen erwähnt, als die begabte Schwester, die es dem Bruder gleichtun wollte, die ihn mit ihren Liebesanforderungen tyrannisierte, ihn und den jüngeren Bruder Friedrich finanziell ausgenützt und beide in ihre spektakuläre Lebensgeschichte, vor allem den sich über mehrere Jahre hinziehenden Scheidungsprozess hineingezogen hat. Der Tonfall dabei schwankt zwischen Arroganz und Gehässigkeit. Urheber und zugleich Zeugen für das negative Bild ihres Charakters sind vor allem die Zeitgenossinnen Caroline Schlegel-Schelling (geb. Michaelis, 1763-1809) und Dorothea Veit-Schlegel (geb. Mendelsohn, 1763-1839), die in sehr privaten Briefen an Freundinnen und Familienangehörige sowohl Sophie als auch Ludwig schildern und beide zunächst wohlwollend, dann aber mehr und mehr abschätzig beurteilen. So stand Dorothea Veit (die sich 1799 scheiden lässt und schon mit Friedrich Schlegel zusammenlebt) um die Jahrhundertwende von Jena aus in lebhaftem freundschaftlichem Briefwechsel mit Sophie, im November 1809 in Wien dann schämt sie sich beinahe der Bekanntschaft mit ihr:

„[…] Er (?) hat mir allerliebste Dinge erzählt von dem Münchner Klatschpack (Die Namen Sophie und Ludwig Tieck sind später getilgt worden). Für jede Viertelstunde, die Du Dich mit ihnen (Sophie und Ludwig) encanaillirt hast, schlage an Deine Brust und rufe mea maxima Culpa!“,

schreibt sie an Friedrich Schlegel.

Caroline Schlegel-Schelling (1803 von August Wilhelm Schlegel geschieden), die sich 1801 und 1802 darauf freut, dass Sophie mit ihren Kindern für längere Zeit nach Jena kommt und sie dringend und herzlich einlädt, hält sie einige Jahre später für eine „ganz verruchte Person“; in ihr sei „ein durchaus rebellischer Sinn, so daß man sich geneigt fühlt, auch das, was sie nicht unmittelbar selbst verschuldet, sondern durch Krankheit und dergleichen über sie verhängt wird, für ein Gericht des Himmels zu nehmen.“

Auch Bettina Brentano scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. Im November 1808 schreibt sie an ihren Schwager Savigny über die Tiecks:

„Sie sprach mir unendlich viel Gutes von dir (Savigny) und wieder von ihrem Unglück […] so daß sie mein Herz recht sehr bewegte. […] Tieck ist gewiß außerordentlich brav und ehrlich, er ist besorgt um alles, was ihm Wert zu haben scheint, auch so seine Schwester. Ich glaube, daß, obschon sie etwas Unangenehmes im äußern Wesen hat, sie bei näherer Bekanntschaft besonders Dir, Savigny, gefallen würde; wenn sie ernsthaft ist, so hat sie eine ebenso feste, bestimmte Art sich auszudrücken, beinah noch bestimmter, noch reiner als Tieck […]“.

Aber bereits im Januar des nächsten Jahres weigert sie sich, sich überhaupt mit Sophie zu befassen:

„So kömmt es denn, daß ich mich manchen Abend ernsthaft mit ihm [Ludwig] zanke, mit ihm, denn er ist es werth, daß man zum wenigsten sucht ihn auf das bessere zu bringen; mit ihr gebe ich mir die Mühe gar nicht.“

Ein weiterer wichtiger Zeuge ist Varnhagen von Ense, der sich in seinen unzähligen Tagebucheintragungen, Briefen und Zetteln auch ausführlich zur Scheidungsaffäre Tieck- Bernhardi äußert und der eindeutig Stellung für den Ehemann Bernhardi bezieht. Ebenso wie Johann Gottlieb Fichte, der „Sittenlehrer, der so viel von Wahrhaftigkeit geschwatzt hat“ und den August Wilhelm Schlegel in diesem Zusammenhang der „schamlosen boshaften Lüge“ bezichtigt.

Bestätigt worden und in die Germanistik eingegangen ist das negative Bild von Sophies Charakter vor allem, als in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ihr Briefwechsel mit August Wilhelm Schlegel in Coppet entdeckt und von Josef Körner veröffentlich wurde. Auf dem Päckchen, in das die Briefe eingewickelt waren, stand in der Handschrift Schlegels „à brûler après ma mort sans ouvrir le paquet“. Das war sicherlich zu der Zeit, als er mit Mme de Staël vor den Franzosen aus Coppet fliehen musste (1812). Körner denkt – natürlich – nicht daran, diese Aufforderung zu befolgen. In diesen Briefen spiegelt sich das Schicksal einer enttäuschten Frau, die immer wieder auf Liebe und Glück und Erfolg hofft, und wir erleben, aus ihrer Sicht, trotzdem als Voyeure, den tristen unerfreulichen Scheidungsverlauf mit, in dem sie mit allen, auch nicht ganz feinen Mitteln, um die Zuweisung ihrer Kinder kämpft. Andere, „neutrale“ Quellen gibt es kaum. Ein abgerundetes, „objektives“ Bild vom Leben oder gar Charakter der Sophie Tieck werden wir nicht gewinnen können. Auch durch die Entdeckung ihrer “clandestinen“ Briefe an August Wilhelm Schlegel erfahren wir die Wahrheit nicht, wenn es sich auch der Herausgeber erhofft hat. Auch bei diesem Text hier stellt sich mir die Frage, in wie weit ich „gerecht“ vorgehe bei der Auswahl der Briefstellen. Fest steht, dass es nicht möglich wäre, ein einseitig positives Bild von Sophie Tieck aus ihnen herauszudestillieren. Körner hatte immerhin geglaubt, in den Erkenntnissen aus diesen Briefen die Ursache für die „Krisenjahre der Frühromantik“, fürden Zerfall des frühromantischen Dichterkreises erkennen zu können: es lag an Sophie Tieck. Sophie selbst hat offenbar über einige Selbsterkenntnis verfügt. Als etwa Dreißigjährige schreibt sie dem Bruder Ludwig:

„Eines, lieber Bruder bitte ich dich noch laß mich nicht mehr kleine Unbedachtsamkeiten in meinen Äusserungen wen wir wieder beieinander sind so hart entgelten oder die schroffe und harte Art Dienge und Menschen anzusehn. Ich kann es nicht ändern ich habe alles gethan um meine Natur zu bekämpfen aber es ist vergeblich und ich glaube ich habe mit dem härtesten Leiden genug für diesen Fehler gebüßt.“

*

Was wir von ihrem Lebenslauf wissen:

Sie wächst als mittleres Kind zwischen zwei Brüdern in einem Handwerkerhaushalt in Berlin auf. Alle Geschwister interessieren sich früh für Literatur und Theater und werden vom Vater dabei unterstützt. Der ältere Bruder Ludwig kann auf das Gymnasium; das Erlernte gibt er an die Geschwister weiter. Er besucht dann die Universität in Halle, Erlangen und Göttingen. Als Brotberuf soll er Theologie studieren, schließt aber sein Studium nicht ab, sondern wird freier Schriftsteller. Er erlebt schlimme Phasen von Depressionen und Schaffenspausen und leidet auch unter materieller Not.

Der jüngere Bruder Christian Friedrich kommt zu einem Bildhauer in die Lehre; dazu Sophie in einem Brief 1792 an Ludwig:

„[…] den die ganze Geselschaft welche dort hinkomt ist entsezlich dum es ist selbst den Herrn Professor nicht ausgenommen kein vernünftiger Mensch darunter und mir ist es sehr lieb daß ich nicht wie Christian 6 Jahre dort zubringen mus ich weis nicht wie er es aushalten kan““.

Ihr selber, die der Zeit und Herkunft entsprechend weder eine Schule besuchen noch einen Beruf erlernen kann, fällt allerdings das Leben allein zuhause in der elterlichen Seilerei, in der sie gleichwohl hart mitarbeiten muss, äußerst schwer:

„Ach mein lieber Bruder ich vermisse jetzt recht deine Geselschaft ich bin jezt so einsam ach wen ich dich doch nur einmal sprechen könnte […] Du hast sehr recht das du mich schwach nenst aber ich will doch sehen ob ich diese Schwäche nicht entschuldigen kan. Rechne es dir nicht zum Verdienst an das du stärker bist bedencke selbst die verschiedenen Verhältniße in denen wir leben […] Als du abreistest verlohr ich mit dir jede Gesellschaft […]“

So schreibt sie sehnsüchtige Briefe an den Studenten Ludwig, in denen sie ihre Hoffnung auf sein Kommen in den Ferien ausdrückt und die Freude darauf, an seinem Leben und seiner Schriftstellerei wieder teilnehmen zu können. Ludwig verspricht es in jedem Brief und kommt nicht. Erst zwei Jahre später ist er wieder in Berlin, und nun beziehen er und Sophie, zeitweise auch Friedrich, eine gemeinsame Wohnung und führen, im Kontakt mit einem Kreis von Künstlern und Schriftstellern, ein Leben, das wir uns vielleicht glücklich und zufriedenstellend denken können. Ludwig und Sophie schreiben Beiträge für die von dem Aufklärer Friedrich Nicolai herausgegebene Zeitschrift „Straußfedern“ sowie in den „Bambocciaden“, sie übersetzen, lernen, lesen, schreiben Gedichte und Kritiken. Mit diesen Beiträgen verdienen sie Geld, wenn auch nicht viel.

Zu dem Freundeskreis gehört der Sprachwissenschaftler August Ferdinand Bernhardi, ein früherer Lehrer von Ludwig, den sie heiraten wird. Im Oktober 1793 an Ludwig (im selben Brief, in dem sie sich bei ihm über ihre Einsamkeit beklagt hat):

„Bernhardi besucht mich jezt oft ich liebe ihn sehr er ist mein Freund er schreibt mir Briefe – liest mir seine Schriften vor kurz wir bringen manchen Abend angenehm mit einander zu“.

Er scheint eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen zu sein; in den Briefwechseln der Zeit wird er oft erwähnt und als witzig und geistreich geschildert, aber auch als Hypochonder, Schlemmer und Trinker. Friedrich Schlegel spricht einmal von dem „dickhäutigen, bierschweren Bernhardi“. In einer Studie über ihn aus den 1960er Jahren wird in einem ähnlichen Ton, wie er sonst bei vielen heute üblichen Untersuchungen über zu Unrecht vergessene bedeutende Frauen angewandt wird, bedauert, dass er zu den verkannten Gestalten der deutschen Literaturgeschichte gehört. Der Grund sei vor allem biographisch-historischer Natur: die Ehefrau Sophie. Die verheerenden Folgen seines Ehestreits mit ihr und das daraus entspringende Zerwürfnis mit den Häuptern der frühromantischen Bewegung führten zu seiner historischen Isolierung und wissenschaftlichen Verkennung.

Die Hochzeit fand im Jahr 1799 statt. Ein Jahr zuvor hatte Ludwig Amalie Alberti geheiratet, mit der er seit 1796 verlobt war. Von Varnhagen von Ense wird das Gerücht überliefert, Ludwig habe seine Schwester dem Freund „aufgeschwatzt“; nachdem sie ihn „mit romantischer Zuneigung und durch unbequemes Anhängen lange gequält habe“, wusste er sich ihrer „auf diese gute Art zu entledigen.“ Im Sommer 1800 wird Sophies erstes Kind geboren, der Sohn Wilhelm. In dieser Zeit lesen sie „den Homer den Jacob Böhm den Göthe den Shaks“, und – „wir freuen uns unaussprechlich auf deine (Ludwigs) Genovefa.“ Ein Jahr darauf kommt Ludwig zur Welt, der im Februar 1802 am 27. Geburtstag der Mutter plötzlich stirbt. Wenige Wochen später sterben innerhalb von wenigen Tagen Mutter und Vater Tieck; Sophie wird schwer krank. Im November 1802 kommt das dritte Kind, Felix Theodor, zur Welt. Sophie, die immer kränklich war, überlebt es kaum. Der jüngere Bruder Friedrich hatte 1802, als er auf Nachricht ihrer dritten Niederkunft wartete, aus Weimar an August Wilhelm Schlegel geschrieben:

„Mein letztes Kleinod auf Erden ist meine Schwester. Ich weiß nicht wie ich ihren Verlust überleben sollte, und ob ich nicht gezwungen wäre mein Leben gewaltsam zu zerreißen wenn sie stirbt.- Wie verzweifelt ist es nicht das ich mit aller Anstrengung sogar mit Glück, es nicht einmahl dahin bringen kann sie so zu unterstützen das sie fürdie Armseligkeiten des Lebens gesichert ist […]“

Der Adressat dieses sehr persönlichen Briefes, der Privatgelehrte August Wilhelm Schlegel, wohnte in den Jahren 1801-1804 für die Zeit seiner berühmten Kunst- und Literaturvorlesungen in Berlin im Hause Bernhardi. Er ist noch mit Caroline verheiratet, die aber bereits Schelling kennt, den sie nach der Scheidung von A.W. Schlegel 1803 dann heiratet. In dem Brief, den sie im August 1801 aus Jena an Sophie schreibt, ist etwas von der heiter geistvollen und großzügigen Atmosphäre zu spüren, die von dem Kreis der frühromantischen Dichter in Jena ausgegangen ist. 1799 war ja auch Friedrich Schlegels „Lucinde“ erschienen. Caroline schreibt:

„Gern möchte ich Ihnen danken, daß sie mir Schlegeln so hübsch und gesund und muthig wieder zugeschickt haben, aber ich hätte fast Lust ihn Ihnen auch wieder zurückzuschicken, denn wir können nichts mit ihm anfangen. Wir sind ihm alle nicht gut genug, und nichts will ihm so gefallen wie die Stäte, von welcher er kömt. Er schreyet nach Berlin, welches wohl nur die Bernhardis heißt; dort hat man ihn gepflegt und er hat nach seines Herzens Begehr gelebt, und hier ist alles eitel Stückwerk. Also, meine Liebe, so wird es wohl mit dem Dank nicht viel werden, aufrichtig gesprochen, denn Sie haben uns den Freund verdorben. Ich werde ihn sauber emballiren, und nur froh seyn, wenn er nicht etwa von der kurzen Pönitenz ganz zerbrochen bey Ihnen ankommt. Wenn es mir möglich ist, will ich ihn selbst überbringen, um zu sehn, wie er einmal recht zufrieden ist. Wenn ich mir recht die Freude überlege ihn so zu sehn, so erweicht sich denn doch mein Gemüth wieder zur Dankbarkeit gegen Sie und ich denke mit Vergnügen an die Stunde, wo ich Sie sehn werde.“

1804 allerdings folgt Schlegel Mme de Staël nach Coppet in die Schweiz. Aus dem dort entdeckten Briefwechsel zwischen ihm und Sophie geht hervor, dass Sophies Ehe mit Bernhardi schon bald unglücklich geworden war und sie August Wilhelm Schlegel geliebt hat. An ihn schreibt sie Mitte September 1801: „Es ist eine seltsame Empfindung, mit der ich an dich schreibe – es ist heute mein Hochzeitstag, wie viele ungehofte Schmerzen haben mich in diesen beiden Jahren gefoltert und fast mein Herz ermattet.“ Aber auch Schlegel und sie waren offenbar nur für kurze Zeit glücklichin dieser Beziehung. Schon Ende August 1801 beklagt sich Sophie, dass sie „nicht glücklig ist und auch niemals sein kan“. Sie kann den Zweifel an August Wilhelms Liebe nicht überwinden und es „fällt mir wieder die unglücklicheAurelie aus dem Meister ein die nicht liebenswürdig war wen sie liebte und es erscheint mir als mein Geschick und ich verzeihe Dir wen Du Dich von mir ab nach liebenswürdigen Frauen wendest und beweine nur mich.“ Schlegel in seiner Antwort, in der er sich beschwert, dass sie seine wahre Gesinnung, seine Liebe zu ihr nicht erkennt: „Aber so seyd ihr, immer mehr auf Reden als auf Handlungen zu geben“, und: „Hernach kann ich es auch nicht leiden, daß Du sagst, Du könntest niemals glücklich seyn […]“ und: „Mit der Aurelie, das ist ein schlechter Gedanke, über den ich dir feind bin“.Darauf antwortet sie ihrerseits mit Vorwürfen:

„Ich bitte Dich dieß nicht übel zu nehmen den Du hast mich doch wohl mit Deinem so seidsihr immer unter die Rubrik von Weibern bringen wollen und ich kan nicht läugnen daß Du mir mit diesem Bemühen recht wie ein Mann vorgekommen bist.“

Etwa um die gleiche Zeit wie Schlegel hat sie auch ihren späteren zweiten Ehemann, den estnischen Baron von Knorring, kennengelernt, der bei Bernhardi Griechisch lernte. So zählen manche germanistische Forscher in ihren Anmerkungen quasi an den Fingern ab, wer der Vater von Sophies drittem Kind gewesen sein könnte, man einigt sich auf August Wilhelm. Schon die Zeitgenossinnen machen sich Gedanken darüber, dass das Kind keinerlei Ähnlichkeit mit Bernhardi hat. Allerdings schreibt sie in ihrem Brief vom 6ten Febr 1806 an A. W. Schlegel, in dem sie ihn über den Verlauf der Scheidungsangelegenheit detailliert informiert, dass man „mir eine begangene eheliche Untreue mit K durch meine zurückgelassenen Dienstbothen beweisen wolle“. Der von einer Dienstmagd bezeugte Ehebruch gibt dann auch den Ausschlag dafür, dass sie den Prozess verliert. In den langen Jahren dieses Prozesses wendet sich Sophie immer wieder an August Wilhelm mit der Bitte um seelische, aber auch sehr direkt um finanzielle Unterstützung. Dank des Gehalts, das er von Mme de Staël bezieht, gewährt er diese auch. Offenbar hatte er auch schon während seines Berliner Aufenthalts erheblich zur Bestreitung des Bernhardischen Haushalts beigetragen; Bernhardi selbst soll sich, laut Sophie, „unwürdiger Trägheit“ hingegeben haben. Friedrich Schlegel schreibt 1804 an Ludwig:

„Niemals erkundigte er sich bei den Wochenbetten Deiner Schwester, oder den Krankheiten der Kinder, ob auch das Nöthigste zur Verpflegung vorhanden sei, sie hätten sich in dem hülflosesten Zustand befinden mögen, eswürde seine Gemüthsruhe weniger gestört haben, als ein verunglücktes Mittagessen.“

1804 war Sophie – unerlaubt – mit ihren Kindern von ihrem Mann weggezogen und nicht zurückgekehrt; Bernhardi hatte sie daraufhin des Kindsraubs angeklagt. Sie hielt sich in Weimar auf, in Dresden und schließlich in München. Dorthin folgte ihr Ludwig. Seine Frau und die Tochter Dorothea sowie die Geliebte, Gräfin Henriette von Finckenstein, ließ er mehrere Jahre allein. 1805 treffen alle drei Geschwister in Rom zusammen. Sie hoffen auf das milde Klima zur Herstellung von Sophies und Ludwigs Gesundheit. Alle haben kein Geld. Sie werden zum Ärgernis vieler Zeitgenossen, da sie trotzdem ein großes Haus führen und das geliehene Geld oft nicht zurückzahlen können.

„Aber ich meyne, wir haben hier nach der Hand wieder erfahren, was es mit dieser Familie für eine Bewandtniß hat, und wie sehr die Gaunerei mit zu ihrer Poesie und Religion gehört […] Es ist bekannt, daß Tieck nie Geld hatte, daß er stets auf Kosten seines Nächsten lebte, jetzt unterhielt ihn seine Schwester und sie wird von Baron Knorring unterhalten, der aber nicht hier ist, weil er von Wien, theils seiner dortigen Verwandten, theils Schulden wegen, nicht weg kann, indem sein Vater nicht Geld genug zu den außerordentlichen Depensen für die Tiecks schickt“ (Caroline Schlegel).

Manche Freundschaft (so mit Savigny und in diesem Zusammenhang mit Bettina oder mit dem Maler Müller) geht darüber zu Bruch. Auch die Beziehung zu Caroline und Wilhelm von Humboldt, damals Ministerresident in Rom, leidet. An ihn als Freund, nicht als Minister, hatte sich Sophie um Rat gewandt, wie sie sich in ihrer Scheidungssache den preußischen Behörden gegenüber verhalten solle, da sie

„als eine Frau ja in dem schlimmen Fall sei daß nicht nur Männer gegen mich klagen würden, sondern daß auch meine Vertheidigung Männer führen müssen, und endlig Männer entscheiden.“

Humboldt stellte sich auf die Seite Bernhardis.

Caroline von Humboldt (geb. von Dacheröden, 1766-1829) schrieb zu Beginn dieser Angelegenheit an Lotte Schiller:

„Sie [Tiecks Schwester] hat einen großen Krieg mit ihrem Mann, von dem sie gern geschieden sein will; er ist auch, mein’ ich, einstimmend; aber der Krieg ist um die Kinder, die ein Paar niedliche Knaben sind. Er hat umsomehr das Recht für sich, da er Vermögen hat und sie ohne Mittel ist, sonst, glaube ich freilich, werden die armen Kleinen wohl noch schlechter bei ihm als bei ihr erzogen werden. […] Ich fürchte, es wird noch viel Unruhe mit dieser deutschen Colonie hier geben, und vielleicht Unannehmlichkeiten für meinen Mann daraus entstehen.“

Interessant ist, wie zu dieser Zeit die alte Auseinandersetzung des christlichen Mittelalters mit der heidnischen Antike in der Konfiguration Maria-Venus damals von den deutschen Künstlern in Rom auf die Verhältnisse in Rom übertragen wird. Caroline Schelling (Schlegel) schreibt spöttisch 1807 an Louise Gotter:

„Die deutschen und übrigen Künstler in Rom, die Damen Humboldt und Bernhardi trieben dort ein unauflösliches Gewirr von Intriguen, Thorheiten und Geschichten unter einander. Es existiert eine heidnische und eine christliche Partei, da die Damen verschiedne Parthie genommen, so hat sich die eine gleichsam für Venus, welche Fr. v. Humboldt ist, und die andre für die Madonna erklärt, und die Schönheit der einen und die Reinheit des Gemüths der andern werden sich auch ungefähr die Wage halten.“

„Tatsächlich sind sich Klassik und Romantik wohl selten anschaulicher begegnet als damals, 1805 bis 1807, in der deutschen Colonie in Rom. […] Hier Romantik und christliches Mittelalter, dort Klassik und griechische Antike – der Gegensatz war da und sicher offenkundig. Caroline misst diesen Anspruch an der Wirklichkeit.“ (E.K. Lutz)

Im Januar 1807 hatte Caroline Schlegel an ihre Schwester geschrieben:

„Vor einigen Wochen ist auch der Baron Knorring aus Rom durchgekommen und hat uns besucht. Du weißt, er ging mit Tieck und dessen Schwester hin. Mad. Bernhardi, die Unerträgliche, ist noch dortgeblieben mit dem Bildhauer Tieck. Knorring kehrt auch zurück, er holte, glaube ich, nur Succurs an Geld, und vielleicht giebt es gar bald eine Scheidung von Hrn. Bernhardi, denn Knorring liegt ganz in den Fesseln dieser blassen, magern, Zahn-Augenbraun und Haarlosen Frau, die einen imperieusen, eigensinnigen, im Grunde bösen Charakter, aber Tieckische Visionen hat.“

Als es nach erfolgter Scheidung dann im Jahr 1808 in München unter spektakulären Umständen und unter Hinzuziehung der Polizei zu einem Vergleich zwischen Bernhardi und Sophie kommt – das ältere Kind (neunjährig)wird dem Vater zugesprochen, das andere bleibt bei der Mutter – ist nur Ludwig anwesend. Knorring, der sich um sein väterliches Erbe bemüht, wird durch die Wirren der napoleonischen Kriege am Kommen gehindert. A.W. Schlegel äußert Karl von Hardenberg gegenüber seinen Unmut: „Knorring’s fortgesetzter Aufenthalt in Wien ist mir unbegreiflich. Was hält ihn nur dort? Ist sein Verhältniß mit Sophien, welches für sein ganzes Leben gegründet schien, verändert? Wenigstens hat sie bei den harten Schlägen, welche sie betroffen, wenig Trost von ihm gehabt […]“ Ludwig erleidet durch die Aufregung wieder einen heftigen Krankheitsanfall. Die Beziehung der Geschwister ist durch den jahrelangen Nervenkrieg erschüttert, sie entfremden sich endgültig voneinander. Sophie, krank und arm, weiß nicht, wohin sie sich wenden soll. Sie hat Angst, dass nach ihrem möglichen Tod auch Felix dem Vater zugesprochen wird und heiratet – einem Brief an A.W. Schegel zufolge auch aus diesem Grund – 1810 Karl Gregor von Knorring. Der Bruder Ludwig erfährt davon sowie auch von der späteren Umsiedlung nach Estland erst Jahre später „durch Fremde“, wie er 1813 an Friedrich Schlegel schreibt.

Die Zeitgenossen – Männer wie Frauen – zeigten wenig Verständnis für die Umstände der Scheidung. Bettina meint, die Geschichte mit den Kindern sei doch „nicht so übel gelaufen“ und bezweifelt die Ernsthaftigkeit von Sophies Krankheit. Clemens Brentano macht sich eher über Bernhardi lustig:

„[…] Bernhardi […] der mit Soldaten und Polizei ihnen ins Haus fiel, um seine Kinder zu holen, ohne welche ihm sein Vater kein Geld geben will […] endlich hat er sich mit einem Stück – dem älteren Wilhelm – das ziemlich schlecht conditionirt ist, begnügt und es, wenn er das Geld mit d e m Regenwurm gefangen hat, zurückversprochen“,

während Achim von Arnim die Handlungsweise Bernhardis verteidigt: bei der „kränklichen thörichten Mutter […]konnte er als verständiger braver Mann nicht anders handeln“. Caroline Humboldt klagte, dass sie „den ärgerlichen Auftritt, daß ihr Mann kam um die Kinder ihr mit Gewalt, wenn sie nicht gutwillig wollte, zu nehmen […]“ habe erleben müssen.

Sophie „ließ es wirklich auf’s Äußerte kommen, weil sie auch dabei nicht ohne Absicht war, und die Polizei besetzte das Haus, endlich hat sie mit dem Vater getheilt. Sie ist nun geschieden und wir werden sie vielleicht noch als Baronesse Knorring sehen […]“

Die Zeit in Rom und in München und an vielen anderen Orten (Weimar, Prag, Wien u.a.), muss für alle Geschwister schwer gewesen sein. Sophie ist meistens krank und immer in Sorge vor den Nachstellungen Bernhardis. Ludwig leidet unter schlimmen Gichtanfällen. Beide sind literarisch nicht sehr aktiv. Friedrich ist als Bildhauer anerkannt, aber die Konkurrenz in Rom ist groß. Auch er gehört in die Reihe der zeitweise vergessenen Künstler; auch für seinen mangelnden Erfolg wird Sophie verantwortlich gemacht. Statt zu arbeiten und künstlerisch weiterzukommen, habe er sich in immerwährender und rührender Sorge um seine Schwester verbraucht. Von ihm stammen aber immerhin recht bekannte Büsten von Goethe, A.W. Schlegel, A.v. Humboldt, Brentano etc.; für die Walhalla hat er im Auftrag des Kronprinzen von Baiern in den Marmorbrüchen von Carrara viele Büsten angefertigt; unter Goethes Leitung war er an der Gestaltung des Weimarer Schlosses beteiligt. „Er (der Bildhauer Christian Daniel Rauch) wußte, daß Tieck sich mit der endlosen Büstenarbeit für die Walhalla nur abmühte, um für seine Schwester Geld zu schaffen“. Dies wird bestätigt in einem Brief Friedrichs 1846 an den Bruder nach dem Tod der Schwester (1833).

„Daß die Schwester großes Unrecht gegen mich gethan hat, will ich gern eingestehen, mein Leben gehemmt, viele Verbindungen gestört, meinen Gewinn verringert und aufgezehrt und es mir eigentlich nicht einmal gedankt.“

Alle drei Geschwister werden außer von Schlegel auch von Baron Knorring unterstützt, der aber seinerseits von den Geldsendungen seines Vaters abhängig ist. Knorring bleibt in den Briefwechseln der Zeit die blasseste Gestalt. Caroline wundert sich, wie er den „schwachen Reizen“ von Sophie hat verfallen können und schreibt es der Gewalt ihres „im Grunde bösen Charakters“ zu. Der Verleger Karl von Hardenberg meint 1807: „Er lebt ganz in seeliger Beschauung; das Studium der morgenländischen Sprachen ist seine Hauptbeschäftigung.“ In seiner Antwort lobt auch August Wilhelm Schlegel Knorrings „sinniges und kindliches Gemüth“, bedauert aber, dass er nicht die Gabe besitze, „sich, wo es nöthig, auch in die weltlichen Geschäfte zu finden.“

Der ältere, dem Vater zugesprochene Sohn Wilhelm wird später Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Ludwig Tieck und selbst die Mutter meiden ihn, offenbar wegen seiner haltlosen Lebensführung. Laut Ludwig Tieck ist er von Bernhardi und dessen Eltern zu „Lüge und Verworfenheit“ erzogen worden. Er gibt aber 1847 einen Band mit dem Titel „Reliquien“ heraus, in dem die an verschiedenen Stellen veröffentlichten frühen Erzählungen, Märchen und Satiren seines Vaters und seiner Mutter zusammenhängend gedruckt werden. Von Varnhagen werden in der Einleitung die schriftstellerischen Fähigkeiten Bernhardis wärmstens gelobt, mit keinem Wort wird auf die zahlreichen Beiträge von Sophie eingegangen. (Wie schon bei den Erstdrucken in den Zeitschriften sind auch hier die einzelnen Beiträge nicht immer namentlich gezeichnet). Der jüngere Sohn Felix Theodor, der sich später wieder Bernhardi nennt, wird ein bekannter Historiker und Militärschriftsteller. Er verfasste Lebenserinnerungen, aus denen wir viele interessante Einzelheiten und Charakteristiken seiner Mutter und ihrer romantischen Zeitgenossen erfahren. Für ihn, den dem Realismus zugehörigen Historiker, ist die romantische Lebensauffassung seiner Eltern nicht mehr nachzuvollziehen:

„So wurde mir die Lehre der Romantiker in Beziehung auf diese Elemente der Bildung ausführlich vorgetragen, in so fern sie überhaupt Gegenstand einer bestimmten Mittheilung sein konnte. Das war nur innerhalb gewisser Grenzen möglich; über diese hinaus wurden Kunst und Poesie Sache einer schwärmenden Empfindung, und alles ging in einer etwas mystischen Gefühlswelt auf. So ehrfurchtsvoll ich bemüht war, was mir gesagt wurde, in mich aufzunehmen, blieb mir diese ganze Welt von Vorstellungen doch eigentlich immer fremd. Sie widerstrebte meiner innersten Natur, die auf geschichtliches Verständniß, auf Klarheit und Bestimmtheit gerichtet war. Wenn ich aber jetzt zurückblicke, ist es mir von großem Werth, daß die Anschauungen, von denen die romantische Schule ausging, in solcher Weise vor mir entfaltet worden sind […]. Kunst und Poesie wurden unendlich hochgestellt; als die Blüthe nicht nur sondern in gewissem Sinn auch als der eigentliche Zweck des menschlichen Daseins. Oft hat meine Mutter mir wiederholt, die ganze gebildete Welt sei sich darüber einig, daß Kunst und Poesie das Höchste sei, was der Mensch erreiche könne […]. Wenn man aber dann die Dinge schärfer ins Auge faßte, so ergab sich, daß unter Kunst und Poesie eigentlich nichts weiter verstanden wurde als Schöngeisterei […]“

Zu einer ähnlichen Beurteilung kommt auch Caroline Pichler, die sich in ihren Memoiren „Denkwürdigkeiten“ zu vielen Persönlichkeiten geäußert hat. Sie schreibt über Sophie:

„[…] aber sie war eine Dichterin, eine geniale Frau, die ihrem Gemahl Bernhardi wie man sagte, davon gegangen war, und mit einem Herrn von Knorring den sie später auch heiratete, herumreiste. Das war damals so die Art, wie geistreiche Frauen die Lehren der romantischen Schule aufs Leben anwandten.“

Im Jahr 1812 macht sich Sophie mit dem zehnjährigen Sohn Felix Theodor auf den Weg zu ihrem Mann, der wegen Erbschaftsangelegenheiten und der Kriegsgefahr nicht aus Estland ausreisen kann. Unter schwierigsten, geradezu gefährlichen Bedingungen reisen sie – mit einem Kammerdiener und dessen Frau – durch das vom Krieg bedrohte Polen und Russland nach Reval. Wegen der französischen und russischen Truppenbewegungen, denen sie ausweichen müssen, verbietet sich der kürzeste Weg durch Preußen und über Warschau. Es muss der weite Weg durch Galizien überBrody an der russischen Grenze (damals wegen der Kontinentalsperre wichtiger improvisierter Umschlagplatz für die Waren aus Amerika für Mitteleuropa) eingeschlagen werden. Das bedeutete „schlechte Wege, und elende Wirthshäuser mit überheizten und übelriechenden Stuben“, in Russland musste dann statt Postpferden ein russischer Fuhrmann gemietet werden, für die ganze Reise waren die Lebensmittelvorräte mitzunehmen, so dass es „etwas zigeunerhaft“ herging, man sich jedoch nach und nach „an eine Art Dasein gewöhnte, die mehr vom Wanderleben einer Nomadenfamilie an sich hatte, als von dem, was man sich unter einer Reise in Europa denkt“. Felix Theodor schildert alle diese Abenteuer anschaulich in seinen Lebenserinnerungen. In den Biographien von Ludwig Tieck, in denen auch von Sophie die Rede ist, heißt es übereinstimmend schlicht: Sie folgte ihrem Mann nach Estland. Dort lebt sie dann in der Zurückgezogenheit eines heruntergekommenen verschuldeten baltischen Guts, zunächst auf Gut Aroküll, nach dem Tod von Knorrings Vater auf Erwita. Das Leben auf einem Gut mit vielen Bediensteten und seine Verwaltung ist sie nicht gewohnt, es fällt ihr schwer. Am gesellschaftlichen Leben in Reval, das vermutlich nicht sehr interessant war, nahm sie nur wenig teil. Sohn Felix in seinen Erinnerungen:

„Genuß und Befriedigung konnte sie in einem Kreise, wo intellektuelle Auszeichnung wenig oder vielmehr gar nicht beachtet wurde, in dem kein Mensch sich um Kunst und Litteratur kümmerte, unmöglich finden.“

Er meint, „das Treiben sei von provinzieller Lächerlichkeit gewesen.“

Sie selbst fürchtet Auswirkungen dieses Lebens auf ihre Schaffenskraft:

„Oft komt es mir jezt vor als hätte ich Talent und Kraft zur Poesie verlohren, und diese Vorstellung schlägt mich am meisten nieder“,

schreibt sie, wohl 1830, an Friedrich.

Einmal ist ihr der Freund August Wilhelm Schlegel ganz nah. Auf der Flucht vor Napoleon begleitet er Frau von Staël, die über Petersburg nach Schweden und England reist. Aber er besucht Sophie nicht: die Kriegsumstände sind bedenklich, die Jahreszeit zu weit fortgeschritten, der Aufenthalt in St.Petersburg zu kurz…

Sophie und Knorring hatten allerdings von vornherein darauf gehofft, bzw. damit gerechnet, bald nach Deutschland oder Italien zurückkehren zu können, es müssen nur die Güter in Ordnung gebracht und verkauft werden. Dass es nie dazu kommt, liegt laut Felix Theodor an den misslichen, auch durch Unkenntnis und Unfähigkeit mitverantworteten Umständen, sowie an der schwierigen politischen Lage. Nur einmal wird dieses Leben unterbrochen. 1820, Bernhardi ist gestorben, reist sie mit Mann und Sohn nach Deutschland. Felix soll in Heidelberg ein Universitätsstudium beginnen. Sophie besucht Ludwig in Dresden, wo der inzwischen berühmt gewordene Dichter vor prominentem Publikum seine beliebten Literaturvorlesungen veranstaltet. Der frühere intensive Kontakt lässt sich nicht wiederherstellen. Schlegel trifft sie nicht (er meidet wegen einer verunglückten Eheschließung Sophies derzeitigen Wohnort Heidelberg). Sie korrespondiert mit ihm und hofft immer darauf, in Deutschland bleiben zu können, ein Haus zu kaufen und mit Schlegel, ihrem Bruder Friedrich und anderen Geistesverwandten zusammen ein der Kunst. Poesie und Literatur gewidmetes Leben führen zu können. Aber auch jetzt fehlt es an Geld, wieder wird ihr vorgeworfen, auf Kosten anderer einen zu üppigen Lebensstil zu führen. Nach kaum einem Jahr muss sie zurück nach Estland, Knorring hat sein Erbe, das Gut Erwita, anzutreten. Wieder hofft sie, dass der Aufenthalt nur vorübergehend sein werde. Wieder gelingt es nicht, die Güter so weit „in Ordnung“ zu bringen, dass das Geld durch den Verkauf für ein Leben in Deutschland oder Rom reichen würde. In Briefen an den Bruder Friedrich schildert sie diese Sorgen und die vergeblichen Bemühungen. Sorgen macht auch der in Not geratene Sohn Felix Theodor in Deutschland. Nach bestem Vermögen kümmert sich Friedrich um ihn.

Sophie verbringt den Rest ihres Lebens auf Gut Erwita, die letzten drei Lebensjahre in Reval. „Jeder Abreisende, mein geliebter Bruder, regt meine Sehnsucht aufs Neue an, und ich glaube wenn ich sie nicht bald befriedige, so werde ich nicht lange mehr leben“, heißt es in einem Brief an Friedrich. 1830 schreibt sie einen letzten Brief an Ludwig, mit dem seit dem Dresdner Besuch kein Kontakt mehr war: „Es fällt mir schwer aufs Herz, daß du in der langen Zeit unserer Trennung kein Wort hieher gerichtet hast, so daß ich dir jezt noch die Adresse schreiben muß. Erwita, überMemel, Riga und Reval.“

Sicherlich hat diese Abgeschiedenheit vom literarischen Leben mit dazu beigetragen, dass sie in Vergessenheit geraten ist.

Nach ihrem Tod 1833 im Alter von achtundfünfzig Jahren schreibt Friedrich an August Wilhelm Schlegel:

„Es macht mich besonders betrübt, daß kein glückliches Ereigniß eben ihrem Leben vorhergieng, daß sie doch mit einigem Frohsinn von uns geschieden wäre, sondern so in Bekümmernissen.“

In der Zeit dort hat sie in der „Einsamkeit ihres Geistes“ den dreibändigen Roman „Evremont“ geschrieben. Eine Hauptfigur ist eine edle Gräfin, die, nachdem sie vom Schicksal arg geprüft worden war, zu einer ruhigen reifen Lebensauffassung findet. Es wäre Sophie zu wünschen gewesen, dass sie in dieser Frau nicht nur ein Wunschbild ihrer Phantasie dargestellt hätte…

Sophie Tieck gehörte also zu dem Kreis der Frauen in der Romantik, die am gesellschaftlichen und literarischen Leben ihrer meist berühmten Männer, Freunde oder Brüder teilgenommen und es mitgeprägt haben. Bereits im Damen Conversations Lexikon von 1836 wird sie lobend erwähnt:

Als Dichterin scheint sie vergessen, obgleich mehrere ihrer Produkte geeignet sind, noch jetzt lebhaftes Interesse zu erregen. Ihre Phantasie ist bilderreich, ihre Sprache elegant, ihre Kenntnis des weiblichen Herzens umfassend. Wenig deutschen Schriftstellerinnen stand Humor und Laune in solchem Grade zu Gebote, wie Sophie von Knorring.

In der „Neuen Deutschen Biographie“ von 1955 heißt es dann von ihr, dass sie „als Dichterin die anderen Frauen der älteren Romantik an Begabung übertraf“. Von ihrer literarischen Stellung innerhalb der romantischen Literatur überhaupt, also von einer Wertung ihres Werks im Zusammenhang mit den Männern der Romantik, ist nicht die Rede. In Meyers Konversationslexikon 1971 gilt sie als „begabte Dichterin der frühen Romantik“; auch im 1986 erschienenen „Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800-1945“ findet sich ein Beitrag über Leben und Werk. Trotzdem sind uns andere Frauen der Romantik viel eher ein Begriff: Caroline Schlegel (A.W.) Schelling, Dorothea Veit Schlegel (Friedrich), Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen. Die Schicksale dieser Frauen sind uns gerade auch in den letzten Jahren wieder vermittelt worden. Sophie Tieck ist nicht dabei. Das ist umso erstaunlicher, als sie zu ihrer Zeit als romantische Schriftstellerin ja durchaus bekannt und auch anerkannt war; Frauen wie Caroline und Rahel z.B. haben als literarisches Werk fast ausschließlich Briefe hinterlassen oder wie Dorothea (von ihr gibt es einen Roman) überwiegend als Übersetzerinnen und Literaturkritikerinnen gearbeitet. Von Sophie hingegen liegt ein umfangreiches eigenes literarisches Werk vor. Davon ist seit der 1847 von ihrem Sohn herausgegebenen Sammlung „Reliquien“ nichts wieder aufgelegt worden. (s. „Nachwort“ von 2025)

In den Ludwig-Tieck-Biographien ist meistens in abfälligem Ton davon die Rede. So spricht z.B. Robert Minder von ihrer „schwachromantisch flimmernden Begabung“. Anders klingt die Mehrzahl der zeitgenössischen Rezensionen. Friedrich Schlegel rühmt an den „Wunderbildern und Träumen“ (1802) ihr „entschiedenes Talent für Dichtung und Versifikation“ und spricht von der „zarten Empfindsamkeit und Schwermut, die das Ganze beseelt“. Bei August Wilhelm Schlegel in seinem „Schreiben an Goethe über einige Arbeiten in Rom lebender Künstler“ ist von der „zarten Phantastik dieser sinnvollen Dichterin“ die Rede. Joseph Görres soll von der „in Träumen zerfließenden Phantastik einer Bernhardi“ beeinflusst worden sein, wie ihm 1902 von einem Gegner der Romantik vorgeworfen wird. Der Bruder Ludwig schreibt ihr 1801:

„Ich danke dir recht sehr dafür, daß du mir die Märchen geschickt hast […] Ich habe sie schon alle gelesen und mich von neuem daran entzückt, sie werden gewiß eine ganz einzige Erscheinung machen: ich habe sie zum Theil vorgelesen, und sie thaten dieselbe schöne Wirkung. Es ist ein zarter poetischer Geist, der sich in wunderlicher Architektur gefällt, und sie bringen einen Zustand heran, wie die Mittelempfindung zwischen Schlaf und Wachen, am Morgen früh in der Dämmerung. Ich lerne viel daraus […]“

Dorothea hat ihr „sehr angenehmes Märchen“ mit „der Schlegel (Caroline) zusammen gelesen, denselben Abend, als es ankam; es hat uns beyde recht sehr amusirt […].“ Friedrich de la Motte-Fouqué spricht gar von ihrem „göttlichen Mährchen“. Für Jean Paul (Vorschule der Ästhetik) sind „Sophie B.s Träume“ in einer Reihe mit Werken von Novalis, Brentano, v. Kleist usw. „teils Sternchen, teils rote Wolken, teils Tautropfen eines schönen poetischen Morgens“. Darauf reagierte Sophie:

„Sie (A.W.Schlegel) kennen besser als ich es Ihnen zu sagen vermag, die ungrosmüthige, ja ich möchte sagen, die oft gemeine Art, wie unter den Deutschen selbst oft geachtete Schriftsteller die Werke der Frauen behandlen. Daß sie auf der einen Seite sie mit einer verachtenden Galanterie erwähnen, worin es sich schon von selbst versteht daß diese untergeordneten Geschöpfe nichts vernünftiges hervorbringen können, und mann übrigens mit ihren artigen Schwachheiten Geduld haben muß, oder es wird auf eine ekelhafte Weise wie von Jean Paul Witz (H.F.: Ob sie damit den oben genannten Kommentar meint?) darüber gemacht, der dasselbe ausdrücken soll, wie die besagte Galanterie, und dies sind die besten Kunstrichter, in Ansehnung der Frauen, diese milden, spashaften, überklugen, die mit vornehmem Erbarmen herabsehen.“

Vereinzelt gibt es auch unter den Zeitgenossen negative Stimmen zu den „Wunderbildern und Träumen“, so von Clemens Brentano. Er schreibt an Achim von Arnim: „Von Sophie Bernhardi ist ein Band Märchen und Traumbilder von ungeheurer Bildung der Verse, großer Imitation und entsetzlicher Langerweile erschienen“ und an seine Frau Sophie (Mereau), „daß er seine Schwester Bettina zum Dichten überreden will“, denn „ich glaube, sie wird nicht ermangeln, durch ihre Märchen und Träume der Bernhardi, die ihre Wunder Lümpchen zu Papier gemacht, das Licht auszublasen“. In der Allgemeinen deutschen Bibliothek von 1803 werden die Märchen spöttisch nacherzählt, um dann zu resümieren:

„So ist doch die Erfindung in Allem gleich albern, und dieser erträglichen Schilderungen, dieser nicht ganz schlechten Bilder, dieser glücklichen Stellen sind zu wenig, daß sie den Leser auf keine Weise für die unsägliche Langeweile und Dürftigkeit des Ganzen entschädigen können“;

in der „Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek“ von 1830 ist im gleichen Sinn von „albernen Kindermärchen, höchst verschrobener und schwindelnder Phantasie“ die Rede. Noch negativer heißt es in der Zeitschrift „Der Freimüthige“: „[…] schwerlich wird jemand Lust haben, noch länger in die nassen Wogen dieser Poesie hinabzuschauen.“

Vor dieser, auf Anraten Friedrich Schlegels unter ihrem Namen erschienenen Sammlung von Märchen- und Traumerzählungen hatte Sophie bereits 1797 anonym für die literarischen Zeitschriften „Straußfedern“ (Herausgeber Nicolai) und „Bambocciaden“ (Herausgeber Bernhardi) zusammen mit Tieck und Bernhardi Erzählungen und Satiren veröffentlicht. Darunter sind Erzählungen mit ziemlich trivialem Inhalt, die dem Geist der Zeitschriften angepasst sind (aufklärerisches Gedankengut sollte für ein einfaches Publikum die beliebten Ritter- und Schauerromane ersetzen), die jedoch durch einen merkwürdig resignativen, leicht satirischen Ton erträglich werden. Grundthema ist die Sehnsucht nach wahrer Liebe, die sich jedoch nicht erfüllen lässt – Liebe sei in Wirklichkeit ein konventionelles unwahres Gefühl, nichts als „zeitweilige Selbsttäuschung“ (in: „Männertreue“). Daneben aber finden sich in diesen Bänden bereits einige ihrer phantastischen Märchenerzählungen. In Friedrich Schlegels „Europa“, in Ludwig Tiecks und A.W. Schlegels „Musenalmanach“, in Bernhardis „Kynosarges“ sowie in einigen anderen Anthologien hat sie einzelne Werke wie Gedichte (Sonette), eine Ballade in Prosa und Versform sowie eine Allegorie veröffentlicht, die von den Zeitgenossen überwiegend gelobt werden. In Tiecks und Schlegels „Athenaeum“ erschien 1800 ihr Aufsatz „Lebensansicht“, der, wie ihr Dorothea mitteilt, „Goethe sehr interessiert“ habe. „Egidio und Isabella“, ein „romantisches Schauspiel“, wird nach Absagen endlich in Rostorfs „Dichtergarten“ abgedruckt. Viele Jahre befasste sie sich, mit langen Unterbrechungen, mit der Übersetzung und romantischen Bearbeitung eines mittelalterlichen Epos, „Flore und Blanscheflur“ von Konrad Fleck. A.W. Schlegel half, zeitweise in Konkurrenz zu Ludwig Tieck, die Verse zu glätten und brachte es schließlich 1822 mit einer Einleitung heraus. Sophie ist ihm dafür sehr dankbar, da sie hofft, dass ein berühmter und geehrter Name ihr Rezensionen erspare, die ja ihrer Erfahrung nach bei Werken von Frauen oft „von abgeschmackter verachtender Galanterie“ oder von „verächtlicher Bosheit“ sind. 1806 hatte sie sich geweigert, dieses Werk ihrem Bruder zum Lektorieren anzuvertrauen. An August Wilhelm schrieb sie:

„[…] nun sah ich ein dass die Meinung war, ich solle ihn für meinen Herren und Meister immer bewundern wie ungeschickt ich und wie kunstreich er sei…Ich habe es endlich auch mit Gewalt zurückgenommen […]“

Ihr letztes großes Werk ist der zwischen Empfindsamkeit und bereits Realismus angesiedelte Roman „Evremont“, der in der Zeit der napoleonischen Kriege spielt und ein lebendiges Bild dieser Epoche vermittelt. Er wurde 1836 postum von Ludwig Tieck herausgegeben, der sehr angetan davon war. Sophie selbst und ihr Sohn Felix Theodor hatten sich in den Jahren davor vergeblich um einen Verleger bemüht. Ludwig schrieb an den Verleger Brockhaus (der das Manuskript abgelehnt hat): „Glauben sie mir, es ist das schönste und reifste, was seit langer Zeit erschienen ist. Es hat mich tief gerührt und ich kann ihm meine Bewunderung nicht versagen. Wie wenig fehlt dem Werke, um ein Kunstwerk zu sein“, und an den Bruder Friedrich: „Welch Gemüth welche Liebe und Gesinnung in diesem herrlichen Buch, der edelste Menschensinn, Wohlwollen und Reinheit, Tiefsinn und Beobachtung und milder Scherz“.

Sophie selbst schreibt in dem wahrscheinlich einzigen Brief, den sie nach ihrer Deutschlandreise von Erwita aus an Ludwig geschrieben hat und in dem sie ihn um Hilfe bei der Herausgabe bittet:

„Wenn du noch die frühere Meinung von mir hast, so wirst du wohl selbst glauben, daß er [der Roman, damals nennt sie als Titel “Der Kriegsgefangene“] nicht zu den Armseeligkeiten der schreibenden Frauen unserer Zeit gerechnet werden darf, deren Werke im grunde bloß das Bekenntniß enthalten, wie sie lieben, und geliebt sein möchten, und das ist oft kläglich genug.“

Am eindrucksvollsten für uns heutige Leser und Leserinnen sind jedoch, wie ich glaube, ihre frühromantischenMärchenerzählungen. Oder die „Dramatischen Fantasien“? Sie erinnern in manchen Motiven an die romantischen Märchen z.B. von Novalis, an 1001 Nacht, an die Märchen von Ludwig Tieck im „Phantasus“, seltener finden sich Elemente aus den Volksmärchen. In vielen Motiven klingen auch noch die Feenmärchen und Schäferspiele des 18. Jahrhunderts nach. In der Verbindung von Märchen- und Phantasiemotiven mit poetischen Naturschilderungen, in der Vermischung von Elementen aus Wirklichkeit und Träumen und in den der Weiterführung der Handlung dienenden eingestreuten lyrischen Gedichten ist ein ganz eigener frühromantischer Stil spürbar. In der „Nachahmung des Traums“ wird sie so der Forderung gerecht, die Wieland an den Märchendichter stellt.

Sophie hat ihren phantastischen Erzählungen den Titel „Wunderbilder und Träume“ gegeben; der Zusatz „in eilf Märchen“ entfiel bei der zweiten Auflage (1823). „Denn, ist denn unser Leben etwas anderes als ein solcher wunderbarer Traum?“ – wird dem Helden und Träumer am Schluss der Erzählung „Traum und Wirklichkeit“ vorgehalten. Er antwortet: „O! das ist ganz etwas anderes, in diesem närrischen Wesen sind wir so zu Hause, wir wachen auch nicht eher auf als bis wir sterben, und wer weiß denn, wie uns nach diesem Aufwachen sein wird? Am Ende könnte ein witziger Leser einwerfen, wachen wir vielleicht am eigentlichsten, wenn wir das Tollste träumen!“

Die überschäumende Phantastik dieser Märchenerzählungen diente Sophie sicherlich auch dazu, sich abzulenken von der tristen Wirklichkeit, der unglücklichen Ehe mit Bernhardi und der schwierigen Liebesbeziehung zu August Wilhelm Schlegel. Liebe ist denn auch das Thema aller dieser Geschichten, Liebe und die Erfüllung der Sehnsucht. Nur wer sich bedingungslos der Liebe ergibt, auch wenn er den Gegenstand der Liebe noch nicht kennt, wird erlöst. Für jeden gibt es „das Glück, das sein ist“, und dieses gilt es zu suchen. Die Stimme der Natur erweckt die Sehnsucht, ohne die das Leben kalt und öde ist und hilft bei der Suche nach dem unbekannten Glück.

Damals, 1801 hatte Sophie an August Wilhelm Schlegel geschrieben:

„Ich bin in der Zeit recht fleißig gewesen und habe die Märchen beinahe fertig geschrieben, ich weiß daß sie hätten recht gut werden können wen ich dem Strom der Liebe der mich jetzt gewaltsam fortreißt darin verrahten mögte wie mein Herz mich treibt. Ich mag aber die Glut die mich verzehrt niemandem verrahten und so sind sie steif und kalt.“

August Wilhelm Schlegel hat den „Wunderbildern und Träumen“ ein Sonett gewidmet, das er offenbar einem schön gebundenen Exemplar beilegte:

 

An Sophie B.

Dein Dichten spielt in thauig zarten Farben,

Und leicht verschwebt es in aether’sche Räume.

Zu dreister Tag verscheucht die leisen Träume,

Und Frühlingsdüfte liest man nicht in Garben.

 

Doch diese Bilder, die so gaukelnd warben,

Daß Fantasie bey ihnen willig säume,

Ja diese Träume sind nicht eitle Schäume,

Nicht Hauche, die schon auf der Lippe starben.

 

Drum, weil sie selbst, die Lieder, fromm bescheiden,

Wie du zu prangen fliehn, o Theure, Holde!

Still in sich hegend ihre sinn’ge Fülle:

 

Vergönne mir, sie köstlich zu umkleiden

Mit glühndem Roth und Blumenzier von Golde,

Und schmähe nicht die weltlich bunte Hülle. 

 

Sophies Antwort:

 

An August Wilhelm Schlegel

Aus Deutschland war die Poesie vertrieben

Und nirgends durfte sich die Schöne zeigen

Und wen sie sprach geboth man stürmend Schweigen

Sie solte nie die süßen Lieder üben

 

Da sahst du sie und wagtest sie zu lieben

Und wie du nahst will sie zurik sich neigen

Doch bald ergiebt sie sich dem Treue eigen

Du bliebst ihr treu sie ist dir hold geblieben.

 

Und leicht ist dir der schöne Sieg gelungen

Für sie beseelt dich eine heil’ge Glut

Für sie zu kämpfen wirst du nie verzagen

 

Du hast den vollen Siegerkranz errungen

Jedoch ihn dir zu reichen fehlt mir Muht I

ch will ’nen Zweig nur einzuflechten wagen.

 

(Der Herausgeber J. Körner erwähnt: „Sophiens Gegengabe weist in Orthographie und Interpunktion dieselbe Unbefangenheit auf wie ihre Briefe“. Er weiß doch, dass sie keine Schule besuchen konnte…?)

Ergänzendes „Nachwort“ – 2025

Dieses Vorwort war also, wie gesagt, gedacht für eine Art Sophie-Tieck-Lesebuch mit einer Biographie anhand ihrer Briefe und zeitgenössischer Zeugnisse sowie mit einer Auswahl von Erzählungen, Gedichten und Briefausschnitten. Damals, in den 80er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, konnte ich keinen Verlag dafür gewinnen. In den Begründungen, die bei einigen Verlagen erstaunlich ausführlich und sachbezogen ausfielen, hieß es übereinstimmend, die literarische Qualität genüge nicht. Jetzt, ca. vierzig Jahre später, nachdem ich Sophie zwar nicht vergessen, dieses Projekt aber in die Schublade gesteckt hatte, erfahre ich zu meiner großen, freudigen Überraschung, dass der Hauptteil ihrer Werke in Neuauflagen vorliegt. „Wunderbilder und Träume“ sogar in mehreren Ausgaben; selbst online sind sie zugänglich; ihre Romane „Julie Saint Albain“ und „Evremont“ sind wieder erschienen, auch der von ihrem Sohn herausgegebene Band „Reliquien“ sowie Briefsammlungen, darunter neuentdeckte Briefe. Im Internet werden Vorträge (z.B. in WDR KULTUR eine Sendung mit dem germanistischen Seminar Halle anlässlich ihres 250. Geburtstags im Februar dieses Jahres), Ausstellungen, Seminare (Universität Halle) etc. angezeigt, im Deutschen Romantik-Museum im Goethe-Haus in Frankfurt ist sie vertreten.

In den 80er Jahren wurde, wie gesagt, die literarische Qualität der Texte in Frage gestellt. In den Absagen von Verlagen (s.u.) hieß es: „Sprachlich dürftig, nicht selten unfreiwillig komisch und im Motiv ungewöhnlich flau“; „schwachromantisch flimmernde Begabung“ (Zitat Minder); „in der ›Empfindsamkeit und Schwermut, die das Ganze beseelt‹ (Zitat Friedrich Schlegel) erscheinen doch allzu bekannte Klischees, die der Lesefreude abträglich sind“, usw. Der Vorwurf „Kitsch“ wurde ihr nicht gemacht. Auch nicht bei Stellen in diesem Stil, wo- im Märchen- „eine Blume, die wie sanfte Flötentöne erklang, das stille Leid der Liebe und Sehnsucht in süßen Melodieen aussprechen kann“… Oder wenn in vielen Wiederholungen immer wieder die Sehnsucht, immer wieder das brennende Verlangen, die feurigen Küsse unter raschelnden Blättern und rauschenden Bächlein und am Ende die gestillte Sehnsucht ausgebreitet werden. Dieser Stil wird nun anders charakterisiert. Was romantisches Klischee erschien, gilt nun als witzig, ironisch, dynamisch, voller Wortwitz, immer wieder überraschend.

Ebenso wie ihr schriftstellerisches Werk wird auch die Person Sophie Tieck- Bernhardi- von Knorring anders beurteilt, sie wird in ihren „soziokulturellen Rahmen“ gestellt: da sie im Gegensatz zu fast allen anderen Schriftstellerinnen der Zeit keinerlei bürgerlichen, Adels- oder Geldhintergrund hatte, sondern aus dem Handwerkermilieu kam und sich ihre Bildung selbst erwerben musste, stand sie in einer Vorreiterrolle. Ihre Texte werden als „Ausdruck weiblicher Selbstreflexion und Identitätssuche“ gesehen, die das Ringen nach Ausdrucksmöglichkeiten im „von männlichen Zuweisungen beherrschten Autorschaftssystem von 1800“ zeigen. „Ihre Literatur interessierte sich vor allem für das Verhältnis der Geschlechter, die Möglichkeiten und Grenzen weiblichen Handelns und für ein neues Konzept von romantischer Liebe“.

Sophie Tieck hat in ihrem Werk alle Genres (Romane, Novellen, Dramen, Lyrik, Abhandlungen, Bearbeitung eines mittelalterlichen Epos, auch die Briefe gehören dazu) bedient, sie ist epochenübergreifend sowohl der Aufklärung, der Romantik wie auch bereits dem Realismus zuzuordnen. Sie hat von ihrer Arbeit, soweit möglich und kärglich genug, ihren Lebensunterhalt bestritten (mit ihrem ersten Mann bestand ein Ehevertrag, der sie zu eigener schriftstellerischer Arbeit verpflichtete). Der Witwer von Knorring hatte nach 1836 noch Einnahmen, wenn auch wenig, aus Sophies Roman „Evremont“.

In der Beurteilung ihrer Literatur „scheint nun mehr Pluralität im Kriterienkatalog und den daraus abgeleiteten Urteilen zu herrschen“; „so sind beispielsweise nicht unbedingt nur die seit den 1770er Jahren so zentralen Größen „Originalität“, „Individualität“ und „Autonomie“ des Kunstwerks der Maßstab, sondern es wird anerkannt, dass in unterschiedlichen Milieus und bei unterschiedlichen „Verwendungsweisen“ der Werke auch andere Maßstäbe ausschlaggebend sein können.“

Damit wird sie als „repräsentative Schriftstellerin der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert“ bewertet. […]. „Die düster-resignative Grundhaltung der romantischen Autorin ist in ihrer Konsequenz etwas zugleich Zeittypisches und Besonderes“. Sie war ihrer Zeit voraus. Bei den nun überwiegend positiven Einstellungen zu ihrem Werk werden immerhin einmal auch „literarische Schwächen“ erwähnt. Natürlich, als Mädchen durfte sie keine Schule besuchen, ganz zu schweigen von einer Universität; sie konnte keinen Beruf erlernen, hatte in der elterlichen Seilerei aber tüchtig mitzuarbeiten; sie musste, wenn sie irgendwie an Erfolg denken wollte, unter Pseudonym schreiben, bzw. mit Bruder oder Ehemann „mitgedruckt“ werden (was allerdings auch für die berühmt gewordenen Frauen wie Dorothea Veit, Henriette Herz, Caroline Böhmer-Schlegel-Schelling zutrifft; oft waren in den Magazinen, an denen Sophie Tieck mitgearbeitet hat, auch die Beiträge ihres Bruders Ludwig und ihres Ehemannes Bernhardi nicht namentlich gezeichnet). Nur über Männerbeziehungen konnte sie zu Geld kommen (am wenigsten durch den ersten Ehemann, vor allem durch den Freund, bzw. Geliebten A.W. Schlegel und den Bruder Friedrich, etwas mehr durch den zweiten Ehemann, vor allem aber immer wieder durch Schuldenmachen bei Freunden). Zwar trug ihre Schriftstellerei zum Lebensunterhalt bei, aber nie genügend. Sehr oft wurden Schulden gemacht. Sie war oft krank, bekam in drei Jahren drei Kinder, hatte sicherlich, wenn auch mit Hilfe von Dienstpersonal, den Haushalt zu besorgen. Viel mehr als ein männlicher Kollege musste sie mit Häme und Ablehnung rechnen, und das nicht nur von Männern. Auch die Freundinnen und Kolleginnen konnten ganz schön boshaft und spöttisch sein. Siehe auch die bereits erwähnte Auseinandersetzung mit A.W. Schlegel: 1801 antwortet sie auf einen Brief von ihm, in dem er ihr Vorwürfe über ihre Sicht ihres Verhältnisses gemacht hat (z.B. schreibt er: “Hernach kann ich es auch nicht leiden, daß Du sagst, Du könntest niemals glücklich seyn…“) ihrerseits mit Vorwürfen: “[…] den Du hast mich doch wohl mit Deinem so seid ihr immer unter die Rubrik von Weibern bringen wollen und ich kan nicht läugnen daß Du mir mit diesem Bemühen recht wie ein Mann vorgekommen bist.“

Dass Sophie Tieck nun als Beispiel für die Situation einer Frau damals, im frühen 19. Jahrhundert, in der Zeit der Romantik, dargestellt wird, (wobei sich die Situation natürlich schon, im Grunde aber bis heute nicht wirklich umfassend geändert hat), ist naheliegend und an der Zeit. Wahrnehmungen von Dichtern, Dichterinnen, Schriftstellern und Schriftstellerinnen ändern sich, die Hauptsache ist, dass das literarische Werk von Sophie Tieck wieder vorliegt und in den Kanon aufgenommen ist.

Eine Aussage von Sophie, die ich oben im Text nicht untergebracht habe, möchte ich noch hinzufügen. Aus einem Brief an August Wilhelm Schlegel, Prag den 27ten Novbr 1807:

Wahrlich der erste Sündenfall des Menschen war die Sehnsucht nach der Form, das Ringen darnach sein schönstes innigstes Selbst sichtbar sich selbst anschaulich zu gestalten, und so geschah die Trennung der Geschlechter. Seitdem ruth der Fluch auf den Menschen, daß sie sich nie mehr Menschlich, sondern mänlich, und Weiblich fühlen, und die dumpfe Erinnerung dessen waß sie durch diese Trennung verlohren, macht daß sie sich hassen und bekriegen, zugleich aber fühlt sich jeder getheilt, und zur Vereinigung getrieben, mit dem Gegenstand seines Hasses, und so entsteht eine art von Wuth, welche die Menschen Liebe nennen. […] Mein eignes Schicksal führt mich zu vielen Betrachtungen, und ich habe eine brennende Sehnsucht Sie zu sprechen, schreiben Sie mir doch ob, und wann ich Sie sehe. Eine Frau wird doppelt verfolgt und gehaßt, wenn ihr Geist aufwärts strebt. Die Weiber sind erbittert, daß sie ihre Last der niedrigsten Knechtschaft der Seele nicht mit ihnen theilen will, und die Männer betrachten es als einen Eingrif in ihre Rechte […[.  

 

Abbildungen von Sophie, Ludwig und Friedrich Tieck, von August Wilhelm Schlegel und August Ferdinand Bernhardi s. unter “Porträts“. Von Carl Gregor von Knorring (1769 -1837) habe ich kein Bild gefunden.

 

Die Textnachweise und das Literaturverzeichnis stelle ich auf Nachfrage zur Verfügung.