Hilde Fieguth
aus dem Band: Sophie & Co.
Bedeutende Frauen Hannovers
1991
ADELHEID REINBOLD
(FRANZ BERTHOLD)
(1800-1839)
Ein wahres Talent, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte
»So kommen Sie denn, nach Hannover!« – »Nein, mein Freund«, erwiderte ich, … »ich bleibe, aber Sie können ja reisen und mich in Hannover erwarten« … »Aber was werden Sie nun hier anfangen? Heute, morgen, vielleicht übermorgen«, zählte er an den Fingern ab, »denn selten halten die Leute hier zu Lande, was sie versprochen, vorzüglich, wo es auf Geschwindigkeit ankömmt. Drei Tage! Wie ausfüllen?« – »Die Natur zu genießen und die Merkwürdigkeiten des Landes zu studiren. … So weiß ich denn schon, daß dieser Ort Neustadt am Rübenberge genannt«. – Am Rübenberge!« fiel er mir lachend ein, »am Rübenberge! Ein schöner Name! O ces bons Allemands!« – »Daß er«, fuhr ich, ohne mich stören zu lassen, fort – »nur von der unpoetischen Nachwelt zum Rübenberge gestempelt ward, und ursprünglich den interessanten Namen Räuberberg führte, plattdeutsch Rüberm der von einer berüchtigten Bande herrührte, welche lange in dieser Gegend gehauset hat, und wohl mächtig genug gewesen sein muß, da sie den Herzogen des Landes unter ihren Fenstern Trotz bot. Denn daß diese Herzoge ihren Sommersitz in früherer Zeit hier aufgeschlagen hatten, beweist Ihnen jenes Schloß auf der Anhöhe dort« – »Sie sind sehr gelehrt«, erwiderte er, »und haben unbegreiflich schnell Zeit gefunden, sich belehren zu lassen; mir wäre es im Traume nicht eingefallen, daß ich hier in einer Residenz sitze, auf klassischem Boden wandle, und aus den engen Fenstern dieses Wirtshauses das Versailles der alten Fürsten des Landes überschaue; noch weniger, daß sich hier ein Berg befindet, wo ich, in der flachsten aller Gegenden, kaum einen Maulwurfshaufen von Wall entdecken kann« – »Alles in der Welt ist relativ«, entgegnete ich. … Dieser Gemeinplatz verursachte, wie Gemeinplätze das oft zu thun pflegen, eine Pause in unserer Unterhaltung …
Die beiden Männer, der eine aus der französischen Schweiz stammend, der andere Franzose, werden – in Adelheid Reinbolds Erzählung Der kleine Ziegenhirt – von einer Wagenpanne in der letzten Station vor Hannover festgehalten, diesem Städtchen, das »kaum den Namen eines Fleckens verdiente«. Auch die Gegend rundum ist wenig attraktiv. Adelheid kennt sie gut. Es ist ihre Heimat, und sie setzt dieser kargen Landschaft, die sie dennoch eindrucksvoll und poetisch schildert, in manchen ihrer Erzählungen ein Denkmal.
Wer war Adelheid Reinbold?
Sie wurde am 15. Januar 1800 in Hannover geboren. Ihr Vater war Jurist und zwar Königlich-Kurfürstlicher Geheimer Kanzleisekretär. Der Großvater, Oberamtmann auf der Kadenburg bei Northeim, hatte das Adelsprädikat abgelegt. Die Mutter, eine geborene von Hoff, war die Tochter eines Geheimen Assistenzrates am Hofe des Herzogs von Gotha. Eine gute Familie also. Aber Adelheid wird später darunter leiden, daß ihr diese Abstammung in den Augen der anderen »guten Familien« nichts nützt, da die Reinbolds verarmt sind und sie deswegen nicht für gleichwertig angeschaut wird.
Die persönliche Armut der Familie, die offenbar nicht zuletzt durch die Unfähigkeit beider Eltern, mit Geld umzugehen, verursacht wurde, wird verstärkt durch die allgemeine schlechte Lage am Anfang des Jahrhunderts. Hannover ist heftig in die napoleonischen Kriege, in die Konflikte zwischen Frankreich, England und Preußen verwickelt; Stadt und Königreich werden nacheinander oder auch gleichzeitig von Preußen, Franzosen, Russen und Schweden und schließlich von einer englisch-deutschen Legion besetzt, er herrscht Teuerung und Mangel. Vor allem das Jahr 1806 war von drückender Not bestimmt. Das Kind Adelheid wird dies am eignen Leib verspürt haben.
Die Not, die aus den allgemeinen und familiären materiellen Schwierigkeiten entstanden war, wurde verstärkt durch Schwierigkeiten persönlicher, charakterlicher Art. Die Eltern verstanden es offenbar auch nicht, der Verantwortung ihren vielen Kindern gegenüber gerecht zu werden. Adelheid war die Älteste, nach ihr wurden noch elf Geschwister groß, für deren Erziehung und Zukunft nicht hinreichend gesorgt wurde. Früh schon fühlte sich Adelheid verpflichtet, sich um ihre Geschwister zu kümmern, wurde darin aber oft von ihrem Vater gehindert, der jede Vorsorge für überflüssig hielt. Die Mutter scheint sie schon im Kindesalter zur Vertrauten bei ihren Schwierigkeiten mit dem Leben und insbesondere mit ihrem Ehemann gemacht zu haben. Da bald nach ihrem Tod der Vater die sehr viel jüngere ehemalige Hausangestellte heiraten wird, braucht es nicht viel Fantasie, um sich die Konflikte der Eltern vorzustellen.
Noch in den dreißiger Jahren beklagt sich Adelheid, daß sie nie ein wirkliches Familienleben gekannt habe. Jeder sei seinen eigenen Weg gegangen. Die Mutter habe immer bei ihr geklagt. »Selten haben sich die Schwächen und Fehler zweier Charaktere so zusammengepaßt um sich gegenseitig zum Unglück der Ihren zu steigern wie die meiner Aeltern. Oft hätte ich die Hand vor die Augen halten mögen um nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören. Ich habe mich auf Amerika gewünscht…»[1]
Etwas angenehmer werden die Umstände für sie, als die Familie 1808 auf das Klostergut Mariengarten bei Göttingen zieht. Der Vater wurde als Oberamtmann hierher versetzt. Nun kümmert sich eine Schwester der Mutter, Hedwig von Hoff, eine gebildete Dame, um ihre Erziehung. Bei ihr lernt sie Griechisch und wahrscheinlich auch Englisch und Französisch. Ihre gewandte und natürliche Art, wie sie mit Fremdsprachen umgehen kann, wird späterhin bewundert und gerühmt. Auch Zeichenunterricht erhält sie nun. Sie scheint begabt im Miniaturporträtmalen gewesen zu sein, doch als sie diese Fähigkeit später zu ihrem Lebensunterhalt anwenden will, wird sie durch ein Augenleiden daran gehindert.
An ihrer Bildung war auch die hannoversche Familie Rehberg[2] beteiligt, der sie später in Dresden wieder begegnen wird.
Der häuslichen Misere entrinnt sie im Alter von zwanzig Jahren, als der Vater in den Ruhestand versetzt wird und die Familie nach Münden zieht. Nun hält sie es für ihre Pflicht, selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Aber welche Möglichkeiten hatte ein junges Mädchen schon, damals, am Anfang des 19.Jahrhunderts? Von einer Ehe, der naheliegendsten Versorgung, ist keine Rede. Sie nimmt eine Stelle als Erzieherin an und hat das Glück, durch die Beziehungen von Verwandten in ein gebildetes Haus zu kommen, und zwar nach Wien zur Familie des Bankiers Heinrich Freiherr von Pereira-Arnstein[3].
Lehrjahre in der großen Welt
Hier beginnt ein neuer Abschnitt in ihrem Leben. Frau von Pereira führt einen berühmten Salon, an dem die Erzieherin ihrer Tochter teilnehmen darf. Diesen Salon schildert Karoline Pichler, eine Wiener Schriftstellerin, in ihren Denkwürdigkeiten[4]:
»Hier herrschte ein ungezwungener Ton, viele Jugend versammelte sich, Musik, Tanz, Vorlesen boten eine lebhafte Abwechslung der Unterhaltung. Hier durfte man auch darauf zählen, bedeutende fremde Nobilitäten kennenzulernen…« Dank dieser Schilderung tritt uns nun auch erstmals Adelheid lebendig entgegen, und wir können uns eine Vorstellung sowohl von ihrem Äußeren als auch von ihrer Art machen:
»Noch einer bedeutenden Erscheinung in diesem geselligen Kreise muß ich erwähnen«, schreibt Karoline Pichler, »des Frl. Adelheid Reinbold, Erzieherin der damals ganz jungen Flora, und später als Schriftstellerin unter dem Namen Franz Berthold bekannt. Sehr blond, üppig und doch schlank gebaut, mit blendend weißem Teint, blauen Augen und frischer Jugendblüte, erinnerte sie – nicht an ein altdeutsches Gemälde auf Goldgrund, sondern an eine der vollen, reizenden Gestalten aus der Rubensschule, und selbst ihre Art sich zu kleiden, obwohl in Form und Farbe wie die der andern Mädchen, hatte etwas Eigenes, ich möchte sagen Lockendes an sich. Übrigens war ihr Betragen anständig, ihre Unterhaltung geistvoll, ihre Ansichten ganz die der Partei des Fortschrittes, und sie eine eifrige Verehrerin Napoleons. Mir sagte ihre Art zu denken nicht sehr zu, obwohl wir auf recht gutem Fuße standen, aber an meine Tochter schloß sie sich sehr an, und es schien ihrem männlich entschlossenen Geiste, das echt Weibliche in der Gefühlsweise Lottens bei einem klaren und doch gebildeten Verstande zu gefallen…«
Etwas stutzig macht uns an dieser Charakterisierung die Bemerkung »Übrigens war ihr Betragen anständig«, aus der man eine Rechtfertigung heraus zu hören meint. Wir können ihre Wiener Erlebnisse und Erfahrungen nicht rekonstruieren, die Briefe aus dieser Zeit sind größtenteils verlorengegangen, aber wir können allerlei vermuten. Johannes Wetzel, der 1910 eine Doktorarbeit über Adelheid geschrieben hat, nimmt zu den Brieffragmenten ihr Werk zu Hilfe und interpretiert es zum Teil direkt biographische. Er kommt zu folgenden Mutmaßungen: Adelheid hatte eine Liebesbeziehung zu dem Sohn des Hauses; wie in ihrer Novelle Die Nebenbuhlerin ihrer selbst habe sie sich der Mutter anvertraut, was dann zu der vorzeitigen, jedoch gütlichen Lösung ihres Vertrags geführt habe. Der junge Mann habe sie zwar geliebt, auch gesellschaftlich wäre sie der Familie ebenbürtig gewesen, jedoch das Hindernis für eine Verbindung war ihre Armut. Daß diese Geschichte in Wien bekannt wurde und Anlaß zu Gerede gegeben hat, kann man sich vorstellen. Wahrscheinlich bezieht sich darauf die Bemerkung von Karoline Pichler.
Zu dieser Zeit war auch der Dichter Apollonius von Maltitz[5] in Wien. Er scheint eine lebhafte Neigung zu Adelheid empfunden zu haben, die sie jedoch nicht erwiderte. Jahre später sieht sie zufällig in einem Almanach ein Gedicht von ihm, in dem sie sich persönlich angesprochen glaubt: »Kein Zweifel, es ist ein Gruß an sie« (Wetzel). Sie liest es als Antwort auf ein eigenes Gedicht und nimmt den Kontakt zu Maltitz wieder auf, der inzwischen als Gesandter in Rio de Janeiro lebt. Der Briefwechsel, in dem es zunächst hauptsächlich um gegenseitiges Besprechen der dichterischen Werke geht, wird immer persönlicher. »In seinen nächsten Briefen steigerten sich die Töne glühender Liebe und Bewunderung, auch ihre Leidenschaft entzündet sich. Da aber tauchten Schatten zwischen ihnen auf. Maltitz grübelte über der Wiener Vergangenheit. Sie verschwieg ihm nichts. Er aber wollte die Hand, die er in Wien vergeblich gesucht hatte, nun nicht ergreifen, wo sie sich ihm bot, und gefiel sich in schwermütiger Resignation. Nur die Dichtung sollte sie nach wie vor verbinden, nur ihr Freund wollte er bleiben« (Wetzel). Arme Adelheid. Sie »gewann es über sich, nach zehnmonatlicher Pause wieder in den Ton der Freundschaft einzustimmen. Aber das Gefühl unendlicher Einsamkeit und Verlassenheit kam mit neuer Stärke über sie; die Dichtung blieb ihr einziger Freund« (Wetzel). Nach ihrem Tod bestätigt Maltitz in seinem Kondolenzbrief an Tieck, wie er Adelheid einst, ehe Tieck sie unter seine Fittiche genommen habe, »unter Neid, Mißgunst und unverdienter Verachtung welken und vergehen sah«, wie es nur ihm vergönnt gewesen sei, ihr »unter so vielen Verfolgern wenigstens den Blick des Wohlwollens zu zeigen«. Niemandem als Tieck und ihm selbst gehöre die Verstorbene an. »Man hat viel von meinem Herzen mit ihr hinabgesenkt[6]«.
Aber wir haben der Zeit vorgegriffen. Adelheid löste ihren Vertrag mit dem Hause Pereira 1828 statt nach zehn schon nach sieben Jahren, erhält aber die ursprünglich vereinbarte Pension. Als Grund für ihre Kündigung werden Differenzen über die Erziehung der Tochter angegeben. Adelheid habe zu fortschrittliche Ideen. Ihren eigenen Erfahrungen und ihrer Einstellung gemäß wollte sie wahrscheinlich Flora Pereira nicht zu einer konventionellen Ehefrau, sondern zu einem selbständig denkenden Wesen erziehen, zu einer Frau, die in der Lage ist, auch allein für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können, bzw. die aus Liebe heiratet und nicht wegen ihrer Versorgung und die gleichfalls aus Liebe und wegen ihrer Persönlichkeit und nicht wegen ihrer Mitgift geheiratet wird.
Die Abhängigkeiten bleiben
Von Wien aus reist sie zunächst nach Dresden, wo inzwischen Familie Rehberg wohnt. Durch sie lernt sie Ludwig Tieck kennen und wird in seinen berühmten Kreis eingeführt[7]. Nach einem halben Jahr kehrt sie heim zu ihrer Familie nach Münden. Dort hat sich nichts geändert. Sie fühlt sich weiterhin verpflichtet, zur geistigen und materiellen Fürsorge für ihre Geschwister beizusteuern. Dafür verwendet sie zum größten Teil ihre Pension, die ihr allein ein selbständiges Leben garantiert hätte. Während eines halbjährigen Aufenthaltes in München bei Schellings, Verwandten der Mutter, unternimmt sie den Versuch, von schriftstellerischer Arbeit zu leben, und entschließt sich – »um nur einen Fuß in den Steigbügel zu bekommen« – zur »Modenarrheit der Journalschreiberei«; sie schreibt, wie so viele ihrer Zeitgenossinnen, unter einem männlichen Pseudonym: Franz Berthold. Da sie aber zunächst beim Morgenblatt nur wenig Erfolg hat, nimmt sie wieder eine Stelle als Erzieherin an, scheitert wieder, weil »ein freier starker Geist, der Ordnung, Klarheit verlangt« (Tieck) sich nicht mit der Abhängigkeit verträgt, und kehrt im Herbst 1831 zu den Eltern zurück, die inzwischen in Mariensee wohnen.
Aber weniger denn je bleibt ihr jetzt Zeit zu literarischer Arbeit. Die häusliche Misere erfordert den Großteil ihrer Energie. Da stirbt überraschend nach kurzer Krankheit 1832 die Mutter. Nun nimmt sie sich mit ganzer Kraft, wenn auch immer wieder von dem verständnislosen Vater darin behindert, der Erziehung der Geschwister an. Das jüngste Kind ist elf Jahre alt. Als allerdings der Vater kurze Zeit später die ehemalige Hausangestellte heiratet, sieht sie für sich keinen Platz mehr im Elternhaus. »So sind m e i n e Pflichten hier zu Ende. Aber die armen Kinder«, schreibt sie an eine Frau v. M [8]. Wo soll sie hin? »Mein Bestreben geht nun dahin mir eine gute Stelle zu finden d.h. eine mit der lieber statt pecuniären oder äußern Glanz freundliche Verhältnisse unter guten und gebildeten Menschen verbunden sind, eine die mir nicht alle Zeit zu literarischen Arbeiten und Beschäftigungen raubt.«
Es gelingt ihr nicht. Nach einer kurzen Episode als Gesellschafterin einer russischen Gräfin (»Ich habe hier keine Seele als mich selbst«) läßt sie sich in einer äußerst bescheidenen Wohnung in Dresden nieder. Ihre Ersparnisse kommen weiterhin, wie Teick schreibt, ihren »noch unerwachsenen Brüdern« zugute; sie hat aber auch für ihre Schwestern gesorgt. Tieck gibt zwei Novellenbände von ihr heraus, von 1835 an ist sie ständige Mitarbeiterin bei den Blättern für literarische Unterhaltung, für die sie »verschiedene sehr kecke und geistreiche Kritiken und Anzeigen« schreibt (u.a. über George Sand, Paul de kock, Marryat), »welche rühmlich beweisen, sie sehr ihr gesunder Sinn, ihr reifes Urtheil fremdes Verdienst erkennen und thörichten Unwitz witzig verspotten konnte« (Ludwig Tieck).
Ihr »männlicher Geist«
In diesen Dresdner Jahren entsteht der Roman König Sebastian oder wunderbare Rettung Untergang; er erzählt das Schicksal des historischen portugiesischen Königs aus dem 16. Jahrhundert frei und phantasievoll, ohne Wert auf historische Genauigkeit zu legen (die historischen Fakten liegen im übrigen im Dunkeln). Dieser Roman, postum erschienen, hat bei ihren Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Aufsehen erregt. In seiner literarischen Qualität wird er rundherum gutgeheißen, Schwierigkeiten hat man offenbarmit der »Moral«, und es scheint, daß wir uns über diese zeitgenössischen Kritiken wieder ein bißchen der Person Adelheid nähern können. Natürlich ist es ein Liebesroman, und Eduard von Bülow erinnert sich nicht, das »Glück der Liebe im tiefsten Elende, in Verzweiflung und Trostlosigkeit schon so herrlich als hier dargestellt gefunden zu haben«. Aber der Tadel folgt bald. Es stört ihn, daß es »die Verf.« nicht verstanden habe, in Sebastian einen Helden zu schaffen. Hier wie auch in einigen anderen ihrer Werke »ist die Frau der Held und sind die Männer meist wesenlos oder durchweg passiv und weibischm ihren männlichen, interessanten Frauen gegenüber unthatkräftig«.
Die ist auch anderen Lesern und Leserinnen aufgefallen. Auch Karoline Pichler ärgert sich, daß die männlichen Helden »erbärmliche Charaktere sind, an Schwäche und Unzuverlässigkeit noch tief unter den Helden der Frau von Stael«. Sie beobachtet und formuliert zwar, daß bei dem »jetzigen Geschlecht« der Männer die guten männlichen Eigenschaften wie Ausdauer, Mut in Gefahr, Achtung den Frauen gegenüber usw. immer mehr abnehmen zugunsten von Genußsucht und Bequemlichkeit, aber sie sieht nicht ein, wieso solche Männer dann auch noch zu Idealen in den Romanen dienen sollen. Sie versteht auch nicht, »wie ein Weib, das doch weiblich fühlen, und also das männliche Geschlecht in seiner wahren Stellung und in seinem Verhältnis zu uns erkennen sollte, sich darin gefallen kann, das Weib höher als den Mann zu stellen, diesen zur willenlosen Puppe zu erniedrigen, die Leben und Impuls von der Frau empfängt und doch von ihr – unbegreiflicherweise, leidenschaftlich geliebt wird«.
Friedrich von Raumer geht darauf ein, daß der »Sebastian« offenbar als anstößig galt, und würde es lieber sehen, die zwei bis drei in Frage kommenden Seiten zu streichen, um »Einstimmigkeit des Lobes hervorzurufen«. Er ärgert sich über die Damen, die klagen, daß »das sonst so schöne Buch so unanständig ist, daß man es nicht lesen könne«, und die offenbar einen Gegensatz konstruieren zwischen einer »Sittlichkeit für Unverheirathete und einer andern für Verheirathete«; dann müßte man »folgerichtig den jungfräulichen Stand für den unbedingt höhern und schon das Wissen von der Ehe für eine Bestialität halten«.
Auch Karoline Pichler hatte im übrigen gemeint, daß man auf »keine ledige Frau als Verfasserin raten würde«. Bei der fraglichen Szene handelt es sich um die für heutige Begriffe dezente Schilderung einer Liebesnacht in einer Höhle mitten in der Wüste. Zwei von Beduinen gefangene Flüchtlinge empfinden Freundschaft zueinander, bis der eine nicht mehr verbergen kann, daß er eine als Mann verkleidete Frau ist, die edle Portugiesin Inez, und sie feststellen, daß ihre Freundschaft in Wirklichkeit Liebe ist; der andere Gefangene ist König Sebastian von Portugal, der nicht, wie alle Welt glaubte, in der Schlacht von »Alkassar« ums Leben gekommen ist[9]. – Beim besten Willen also hätten die beiden Liebenden keine Möglichkeit gehabt, vorher zu heiraten, oder, wie Friedrich Raumer formuliert: »Und worauf läuft der Vorwurf hinaus? Daß in der schwarzen Beduinenhöhle« in Afrika nicht die Förmlichkeiten, Umschweife und Weitläufigkeiten beobachtet werden, mit welcher man eine Bekanntschaft in dem weißen Saale im Berliner Schloß anknüpft und fortsetzt?« Eduard von Bülow schreibt zu dieser Szene: »Noch weit schöner ist Sebastians Verhältnis zu seiner christlichen Mitgefangenen, den ihm eine Folge von reizenden Situationen als ein Weib verraten, und in dem unwillkürlichen sowie bewußten Abstoßen und Anziehen zwischen Beiden ist ein seltenes Gemisch von Kraft, Glut und Zartheit ausgeprägt.« Die Heldin wird aber auch später in der Freiheit großmütig darauf verzichten, den König Sebastian zu ehelichen, obwohl sie ihn liebt, um ihn nicht in seinen herrscherlichen Aufgaben zu behindern; sie wird aber immer darunter leiden. Es gibt in dem Roman eine parallele Personenkonstellation, einen »falschen« Sebastian, der verheiratet sit, aber mit einer Frau, die in aus Ehrgeiz und Machthunger, nicht aus Liebe geheiratet hat: »Hier (bei Inez) hatte die Natur Alles, was die Ehe schuf und heiligt, in ihr verbotenes Verhältnis zu Sebastian gelegt, während das Weib (die Frau des falschen Sebastians) alles bürgerliche Recht für sich hatte«.
Die Versuchung liegt nahe, auch aus diesem Raoman auf das Leben oder zumindest die Lebensansichten von Adelheid schließen zu wollen; man meint sie zu erspüren. Aber wirklich biographischen Stoff können und wollen wir ihm nicht entnehmen.
Der Tieck-Kreis in Dresden
In Dresden wird sie ständiges und beliebtes Mitglied des Tieckschen Kreises; sie gehört sozusagen zur Familie. Obwohl sie an dem gesellschaftlichen Leben lebhaft teilnimmt, weiß außer Tieck niemand etwas von ihrer schriftstellerischen Arbeit; auch ihre materielle und familiäre Not vertraut sie erst nach längerer Zeit Tieck, und niemandem sonst, an. Sie schreibt weiterhin unter dem Pseudonym Franz berthold.
Für Hermann von Friesen[10], einen Tieck-Freund und – Biographen, gehörte sie »gewissermaßen in die Atmosphäre des Tieck’schen Kreises«; »Fräulein von Reinbold hatte aber in ihrer liebenswürdigen Natürlichkeit und Anspruchslosigkeit uns lange Zeit diese Fähigkeit des poetischen Schaffens kaum ahnen lassen«.
Aus dieser Zeit bei Tieck liegen uns die meisten Zeugnisse über ihre Persönlichkeit vor, die alle nach ihrem Tod geschrieben wurden.
Rudolf Köpke[11], der die Biographie Ludwig Tiecks »nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen« schreibt, schildert sie so: »Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von seltener Schnellkraft und Thätigkeit, und im vollsten Besitz der modernen geselligen Bildung… Sie war fern von jeder Weichheit und Sentimentalität, und besaß eine männliche Kraft des Talents … In der Familie eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines häusliches Leben sie theilte. Auf ihrem Zimmer schrieb sie Dramen, Novellen und Kritiken, und in der Gesellschaft erschien sie als Weltdame. Jetzt ward sie in Tieck’s Familie heimisch. Ihm selbst fast leidenschaftlich ergeben, war sie ein belebendes Element der Kreise, welche sich bei ihm versammelten. Die beherrschte die Unterhaltung vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer, Franzose oder deutsche Dichter gegenüberstehen. Stets schien sie heiter, witzig, sprühend.«
Diese Darstellung zitiert Karl von Holtei[12], der die Briefe Tiecks herausgibt, als er die Briefeschreiberin Adelheid Reinbold vorstellt. Er scheint es aber für nötig zu halten, bei Köpkes Bemerkung »sie besaß eine männliche Kraft des Talents« die Anmerkung »Dennoch war ihr Wesen echt weiblich« hinzufügen zu müssen.
Friedrich von Raumer schreibt in seinem Nachruf: »Ich erinnere mich sehr wohl, daß, als dies heitere Wesen, mit jugendlicher Schönheit und Heiterkeit geschmückt, zuerst in Dresden erschien und Aufmerksamkeit erregte, sie von Etlichen der Koketterie und Gefallsucht beschuldigt wurde. Tieck war, gleich mir, ihr starker Vertheidiger, und allmählig hat sich ihr Geist, ihr Gemüth, ihre Bescheidenheit, die Reinheit ihrer Sitten, die Kraft großartiger Entsagung und Aufopferung so sichtbarlich entwickelt und dargelegt, daß die anfangs Zweifelnden und Widersprechenden sich in die eifrigsten Lobredner verwandelten. … Wenn z.B. übertriebene Ängstlichkeit oder Unkunde viele Damen zurückhielt, anwesende Franzosen oder Engländer anzureden, oder ihnen eine Antwort zu ertheilen, so mußten sich diese freilich angezogen und glücklich finden, wenn unerwartet ein zierliches, reizendes junges Mädchen das ängstliche schweigen unterbrach und ihnen mit Unbefangenheit und Gewandtheit Rede stand…«
Auch Helmine von Chézy, eine Bekanntschaft aus den Wiener Jehren, widmet ihr einen Nachruf: »O, sie war schön! – Abhängigkeit und Schönheit, ihr solltet nie Hand in Hand gehen müssen! Schönheit, wie Geist, will Unabhängigkeit von Druck und Drang der Umstände…« Das scheint eine Anspielung auf die Zeit im Hause Pereira zu sein.
Tiecks stille und bescheidene Tochter Dorothea[13], die gerade an der Übersetzung von Washingtons Leben und Briefwechsel arbeitet, leidet unter ihrem Tod: Sie schreibt an den Verleger Brockhaus: »Eine höchst betrübte Unterbrechung unsres schon sehr stillen Lebens war der Verlust unserer guten Reinbold. Es hat mich unbeschreiblich geschmerzt und sehr angegriffen, so daß ich mich noch nicht erholen kann, und das Arbeiten mir sehr schwer wird. Auch erscheint uns alles, was wir für das Leben thun sollen, so nichtig, wenn der Tod uns so nahe tritt. Es ist ein unersetzlicher Verlust für uns, ich werde sie nie vergessen.«
Der Tod hatte sie ereilt in dem Moment, als der Erfolg einzutreten schien – ihre Novelle Irrwisch-Fritze, erschienen in der vielgelesenen Zeitschrift Urania, hatte Erfolg gehabt (und zwar mehr als die in der gleichen Nummer gedruckte Novelle von Tieck Des Lebens Überfluß und Eichendorffs Entführung); ihr Roman König Sebastian war im Druck – da stirbt sie im Alter von 39 Jahren zum Entsetzen und zur Trauer ihrer Freunde plötzlich an Diphterie (an »brandiger Halsbräune«). Tieck gestaltet die Vorrede zu König Sebastian zu einem Nachruf, den er mit den Worten beendet: »Betrachtet man mit Ernst die Hinfälligkeit unsers Lebens, so wünscht man so viel wie möglich für Mit- und Nachwelt als Denkmal und Nachlaß einer so schönen Erscheinung und eines so kräftigen Geistes zu retten. Bleibe ihr das Andenken edler und dichterischer Gemüther.«
Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen.
Warum ist die Dichterin Adelheid Reinbold (Franz Berthold) vergessen?
An anderer Stelle hatte Ludwig Tieck geschrieben: »Es ist schwer zu ermessen, was etwas die Literatur an ihr möchte verloren haben«, eine Frage, die nicht zu beantworten ist. Als sie starb, stand sie ja erst am Anfang ihrer vermutlichen schriftstellerischen Karriere. Wir wissen nicht, was sie noch alles hätte schreiben können, immerhin können wir feststellen, daß sich die literarische Qualität ihrer Novellen zunehmend verbessert hatte. Zum Zeitpunkt ihres Todes war erst ein Band Novellen erschienen sowie einige einzelne Novellen in literarischen Zeitschriften. Postum gab Ludwig Tieck noch einen weiteren Novellenband und die Gedichtsammlung Stimmungen und Eindrücke im Jahrescyklus heraus. Eine Novelle, den Irrwisch-Fritze, haben Paul Heyse und Hermann Kurz 1871 in den Deutschen Novellenschatz aufgenommen. Darüber hinaus hat kein Werk von ihr eine zweite Auflage erlebt. Die wenigen Exemplare, die noch existieren mögen, ruhen in den Magazinen alter Bibliotheken. Auch nicht die Tatsache, daß es Ludwig Tieck war, der ihr Werk herausgegeben hat, hat es vor der Vergessenheit bewahrt (Tieck hat sich große Verdienste mit seiner Herausgeberschaft erworben; er hat ja Novalis, J.M.R.Lenz, H.von Kleist u.a. bekannt gemacht).
Liegt es an der Qualität ihres Werks?
Die Zeitgenossen – wenn es auch nicht viele sind – die sich über ihr Werk geäußert haben, waren wie Tieck voll des Lobes.
So hält der Dichter und Tieck-Freund Eduard von Bülow Adelheid für eine der interessantesten Dichterinnen der Gegenwart, deren »Werth« nur deshalb noch nicht die »längst allgemeine Anerkennung« gewonnen hat, weil sie leider »außerhalb der Strömung der Passatwinde der Gegenwart« steht, also keine Beziehungen hat, sondern ihren literarischen Ruf selber fördern muß, und weil sie in keiner ”schreibseligern Umgebung als Dresden« lebt. Das scheint nicht ganz angemessen zu sein, schließlich hatte sie einen einflußreichen Gönner an Ludwig Tieck, und der Umgang im Tieckschen Kreis war sicherlich anregend und einer schriftstellerischen Tätigkeit förderlich.
Friedrich Raumer, ebenfalls ein dem Tieck-Kreis nahestehender Schriftsteller, schreibt Tieck und v. Bülow das Verdienst zu, aus den »brausenden Wogen und Strömungen« der momentan hochgelobten Neuerscheinungen das »wahrhaft Dauernde und Selbständige vom vergänglichen zu unterscheiden« und dem Werk von Adelheid reinbold »seine rechte, feste, ehrenvolle Stellung« angewiesen zu haben.
Sie hat diese Stellung nicht wahren können. Vielleicht sollten wir auch z.B. ihren König Sebastian, so sehr er die zeitgenössischen Gemüter erregt haben mag, ruhig in den Magazinen ruhen lassen. Aber um einige ihrer Novellen ist es wirklich schade.
Damit kommen wir nun auch wieder nach Hannover, nzw. in das Umland, und zwar mit der Novelle
Der Irrwisch-Fritze,
die im Moor- und Heideland um Hannover spielt.
»Am schönsten aber bewährt sich das Talent in der trefflichen Novelle Irrwisch-Fritze. Dieses kleine, musterhafte Bild ist so ächt deutsch, niederdeutsch, so einfach, naiv, schalkhaft, die Begebenheit alltäglich und doch wunderbar, daß man dieses Gemälde ländlicher Zustände den gelungensten Zeichnungen beigesellen kann«, schreibt Ludwig Tieck, und in einem Brief an den Verleger Brockhaus, in dem er sie als »Muster einer Idyll-Novelle« bezeichnet[14], heißt es:
»Diese kleine Novelle, die sich im engen Umkreis, im Marschlande, zwischen Sümpfen bewegt, scheint mir in ihrer idyllischen Art und Weise ein wahres kleines Meisterstück. Ohne Phrase, Sentimentalität. grelle Effekte, unterhält und spannt sie bis zuletzt, und eine unmittelbare zweite Lesung ergötzt uns nur in noch höherem Grade. Glauben Sie nicht, daß ich für Bekannte und Freunde zu sehr eingenommen bin; alle dieser Art haben im Gegenteil sich immer darüber, und mit Recht beklagt, daß ich strenger gegen sie als gegen Fremde bin…« Brockhaus wird Tiecks Begeisterung zustimmen.
Auch dem Dichter Eduard von Bülow hinterläßt diese Novelle »unbedingte Befriedigung«; er hält sie für ihre vollendetste Dichtung, die unsere Literatur bereichert. Adelheids Talent bewähre sich zuverlässig »am schönsten in der Lieblichkeit ihrer Idylle, der ich für sie ein weites Feld in Natur und Gemüth einräume, und die idyllische Haltung der ersten Hälfte des Sebastian, der meisterhafte Irrwisch-Fritze, Der kleine Ziegenhirt liegen als Beweise vor, nach denen lange Zeit vergehen kann, ehe in dieser Verschmelzung der zartesten wärmsten Weiblichkeit mit der geistigen Selbständigkeit, Kraft, Kälte und Besonnenheit des Mannes ein so reiches und edles Talent zur Poesie wieder uns auftritt.«
Paul Heyse[15] hat, wie gesagt, diese Novelle in seinen Deutschen Novellenschatz aufgenommen. Sie dient ihm als Beispiel für den Übergang von der Romantik zu dem »gesunden Realismus der neueren Erzählungskunst. Noch vor Immermann[16] mit seiner Oberhof-Idylle im Münchhausen und vor Auerbachs Dorfgeschichten[17] entstanden und erschienen, »könne sie diesem zwar nicht völlig ebenbürtig an die Seite treten, darf sich aber einer entschiedenen Verwandtschaft mit ihm rühmen.«
Worum geht es im Irrwisch-Fritzen? Vor allem um eine Liebesgeschichte. Lieschen, die Tochter eines verhältnismäßig reichen Bauern, darf ihren Fritz, das arme, im Moor zur Welt gekommene Waisenkind, nicht heiraten, sondern soll nach dem Willen des jähzornigen Vaters den reichen Bäcker nehmen. Folgsam und fromm will sie gehorchen; nicht so Fritz, der mit Hilfe von magischen Mächten, über die der im Moor lebende Imker verfügt, den Bäcker beiseite schaffen will. Lieschen rettet ihn dramatisch sowohl vor der schlimmen Tat als auch vor dem Versinken im Moor. Sie beschließen, »am gleichen Tag unglücklich zu werden«, Fritz soll Lieschens Freundin heiraten. Aus Kostengründen schließen sich zwei weitere Pärchen an, und alle zusammen fahren in das weit entfernte Kirchdorf zur Trauung. Aber Irrlichter bringen die Pferde zum Scheuen, so daß die Gesellschaft mit großer Verspätung beim Pfarrer eintrifft. Dieser nimmt inzwischen an der Jagd des Herzogs teil und kommt erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück. Schnell vollzieht er in der nur vom Mondlicht erhellten Kirche (die Talglichter sind ausgegangen, man hat ja auch nicht mit einem Abendgottesdienst gerechnet), wo die aufgescheuchten Schwalben die Bräute erschrecken, die Trauung. Beim Herausgehen aus der Kirche stellt sich im hellen Mondlicht heraus, daß die falschen Paare getraut worden sind; aber Lieschen hat ihren Fritz und beide wollen sich euf keinen Vorschlag des Pfarrers, den »unerhörten Fall« rückgängig zu machen, einlassen. Nach einigen Überlegungen geben sich auch die anderen Paare jeweils miteinander zufrieden. Daheim wird der Vater nach einem kurzen Wutanfall von seinem Jähzorn geheilt und alles ist gut.
Was Ludwig Tieck an dieser Geschichte so gefallen hat, ist der Verzicht auf eine »wunderbare«, übernatürliche Lösung wie im Märchen. Die Lösung wird stattdessen durch eine Verkettung von Zufällen herbeigeführt, die zwar unwahrscheinlich sind, aber doch so hätten geschehen können. Das entsprach Tiecks später Novellentheorie, das Wunderbare im Alltäglichen aufzusuchen. »Ich bilde mir ein, eigentlich unter uns diese Dichtkunst erst aufzubringen, indem ich das Wunderbare immer in die sonst alltäglichen Umstände und Verhältnisse lege«, hatte er 1822 an seinen Bruder geschrieben[18]. Adelheid, die sich als seine Schülerin bezeichnet hat, folgt seinem Vorbild.
Paul Heyse hingegen sieht darin eher den Übergang von der Romantik zum Realismus: »Hier hält die Muse, die doch mit fliegenden Fahnen dem realen Leben zueilt, noch einen Augenblick still, um einen blick des Heimwehs auf die verlassenen Märchenwelt zurückzuwerfen… Wenn auch der Hergang sich natürlich deuten läßt, so hat man doch den Eindruck, daß dem Natürlichen ein Überrest des Wunderbaren von ehedem zur Seite steht, und wäre es auch nur, um zuletzt als romantische Decoration am Wege zu stehen.«
Vielleicht sehen wir uns etwas von der »romantischen Decoration« an?
Die vier Paare sind auf dem Weg ins Kirchdorf.
»Man war anfangs sehr munter, und Fritz und Lieschen bemühten sich, nicht durch ihre Traurigkeit aufzufallen; Gertrud [die Braut von Fritz] sprach mehr als gewöhnlich, vielleicht, um diese den Uebrigen zu verbergen; endlich aber siegte ein Gefühl der Nüchternheit, des frühen Aufstehens, der kalten Frühluft, man ward stiller. Fritz und Lieschen freuten sich des Schweigens, das ihren Gedanken freien Lauf ließ, der schützenden Dunkelheit, die ihre heimlichen Thränen verbarg. […] Schon eine Weile waren Alle verstummt, plötzlich hielt der Wagen, als theilte er die allgemeine Pause.
Was giebts? fragte der Bäcker, aus seiner Lethargie erwachend. Ist doch nichts gebrochen?
Der Fuhrmann antwortete nicht. Töffel wiederholte die Frage.
I ne, sagte der Mann, den Kopf kratzend, gebrochen ist just nichts.
Na, warum hält Er denn auf ebenem Wege?
Nun, meine Pferde standen nur ein bischen still.
Was Teufel, schläft der Kerl? fragte der Bäcker. Wofür hält er uns? So bring sie doch wieder in Gang!
Wenn ich könnte, erwiderte der Fuhrmann.
Dummer Taps, wozu bist du denn Kutscher? rief der Bäcker.
Der Fuhrmann munterte seine Thiere durch einige Hiebe auf, sie thaten einen Ruck am Wagen und standen wieder.
Gotts Wetter, was ist denn das? rief der Bäcker.
Ja, das weiß man so eigentlich nicht, erwiderte der Fuhrmann. Wir sind vielleicht behext.
Hör einmal, Kerl, wenn Du gesoffen hast – rief der Bäcker außer sich –
Fluchen Sie nicht, schweigen Sie doch lieber still und beten. Sehen Sie’s denn nicht?
Der Bäcker bemerkte jetzt, daß die Pferde schnaubten und die Ohren spitzten. Was denn? fragte er.
Nun, was denn? Die vornehmen Leute aus den Städten wollen immer nicht dran glauben und sagen, es wären Possen – da sehen Sie’s selbst!
Aber was denn?
Herr Je, dort im Busch!
Der Bäcker erhob sich auf seinem Sitz, mit ihm die Andern. Unweit des Weges lief ein Wäldchen hin, dessen Spitze in einiger Entfernung von ihnen ganz dicht herantrat und den Weg zu berühren schien. Gerade auf dieser Spitze stand, gleich einer Schildwache, eine lange bläuliche Flamme.
Tausend, sagte Fritz, das ist ja ein Irrwisch!
So, fragte der Bäcker, das verdanken wir wohl Euch?
Fritz ärgerte sich, aber er antwortete nicht. Fahr’ zu, sagte er z Kutscher, es thtut dir nichts.
Da fahre ein Anderer! erwiderte der Fuhrmann.
Du bist ein Narr, rief Fritz, fahr zu!«
Die ganze Geschichte ist frisch und lebendig erzählt, treffend sind auch die Charakterisierungen einiger Nebenfiguren, so besonders die des jähzornigen Vaters und der eher zurückhaltenden Mutter, die »zu hause kein heiteres Verhältniß zu schaffen wußten« sowie des von der Mutter verwöhnten frechen Schwesterchens. Die Vermutung liegt sehr nahe, daß Adelheid hier auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen hat… Eindrucksvoll sind auch die Schilderungen der Moorlandschaft, die in das Handlungsgeschehen eingebettet sind. z.B.
»Da ergriff Lieschen eine Todesangst; sie floh von den Büschen und Untiefen weg auf die freiere Ebene und stand erst still, als sie ringsum nichts mehr erblickte. Vor ihr breitete sich eine Scene aus, die Erlkönig geschaffen zu haben schien. Eine weite Fläche, weißlich im Mondschein glänzend, im Halbkreis von wolkig geballten, aus dem Moor aufsteigenden Nebeln begrenzt, von grau schimmernden Reihen zwergiger Weiden durchzogen, welche den düstern Ort bildeten, wo die Töchter zu tanzen pflegen. Dämmernd lag der Himmel darüber und floß mit der geisterhaft verklärten Erde an ihren Grenzen zusammen. Lieschen’s Herz schlug heftig…«
Russische Scenen und Theurer als der Fisch von Alagon
Ähnlich eindrucksvoll, wenn auch düsterer und ohne den frischen Humor der Dorfgeschichte, auch ohne positiven Ausgang, sind die Russischen Scenen, eine kunstvoll komponierte dreiteilige Novelle. Hier werden einfache, aber meist gerechte Bauerngestaltend moralisch zweifelhaften Städtern bzw. Adligen gegenübergestellt; die überragende positive Persönlichkeit ist eine von der dörflichen wie städtischen Gesellschaft ausgeschlossene Kalmückin, die »Zigeunerin« Tängäri[19]. Wegen ihrer angeblichen Zauberkünste, die aber größtenteils auf Können und Erfahrung beruhen (z.B. in der Heilkunde) und wegen ihres unbestechlichen Charakters übt sie Macht über die Menschen aus – die einfachen Bauern wie die reichen Städter – aber sie wird letztlich deren Opfer. Auch in dieser Novelle erstehen die Charaktere beklemmend lebendig vor uns, und die unendlich weiten Steppen- und Schneelandschaften erscheinen faszinierend deutlich vor unseren Augen; zum Erstaunen der Kritiker, da Adelheid ja nie die russische Steppe mit eigenen Augen gesehen hatte. Tieck meinte, daß man die Russischen Scenen »ohne Übertreibung wohl ein Meisterwerk nennen kann«.
Im Gegensatz dazu hielt er die Erzählung Theurer als der Fisch von Alagon für eine »heitere Kleinigkeit, die in ihrem harmlosen Wesen keine großen Ansprüche machen kann«. Hier ist ihm nicht beizustimmen. Freilich hat diese fast satirische kleine Erzählung einen völlig anderen Charakter als etwa die Russischen Scenen und ist weit entfernt von ernsthafter Tragik. Aber sie gibt durch ihre humoristische Schilderung südländischer Charaktere ein köstliches, dicht formuliertes Genrebild aus Spanien. Die Handlung ist einfach; sie erzählt die Anekdote, aus der das spanische Sprichwort »Teurer als der Fisch von Alagon« (Mas caro que el pez de’Alagon) entstanden sein soll. Es wundert nicht, daß der Don Quixote das Lieblingsbuch des gravitätisch-stolzen Alkalden ist, der ständig zwischen seinen beiden Neigungen, der Neugier und der Eßlust, schwankt, »Neigungen, deren geheime Verbindung nur dem Philosophen bemerkbar ist«. Daneben war der »Stolz auf einen Adel, der seinen Untergebenen zweifelhaft schien, eine der vorherrschendsten Eigenschaften des Alkalden. Er hielt kein Buch höher als den Don Quixote; diesen studirte er, wenn er studirte, dieser Held war sein Held, diesem ahmte er, da er ihm in seiner gesicherten bürgerlichen Lage die Tapferkeit nicht nachahmen konnte, wenigsten den unerschütterlichen Gleichmuth in verwickelten Lagen nach,, so gut sich etwas nachahmen läßt; von diesem rühmte er sich vermöge einer Genealogie abzustammen, auf die er seinen Adel begründete, und die er so glücklich gewesen war durch die scharfsinnigsten Combinationen zu entdecken…« Auch an dieser Geschichte zeigt sich Adelheids elementares Erzähltalent und die Spannweite ihrer Möglichkeiten.
Ich könnte mir vorstellen, daß ein Bändchen mit drei, vier Novellen heutzutage auch zu unserer literarischen »Bereicherung« dienen könnte, und ich glaube nicht, daß Ludwig Tieck übertrieben hat, wenn er schreibt: »Die Verfasserin besaß das große und seltene Talet, ihren Anschauungen die Wahrheit wirklich erlebter Begebenheiten einzuprägen, so daß die Bilder, die sie uns vorführt, so überzeugend vor unserer Phantasie stehen bleiben, daß sich die poetische Täuschung nur schwer und spät unserem geistigen Auge wieder entzieht. Diese Kraft ist nur dem wahren Talent eigen und wird nur selten gefunden… Diese männliche Kraft, diese sichere Zeichnung ist es vorzüglich, was unsere Verfasserin vor so vielen begabten Schriftstellerinnen unseres Vaterlandes auszeichnet.«
[1] Brief an Frau Marie von Rehberg, Nachlaß Staatsbibliothek preußischer Kulturbesitz Berlin
[2] August Wilhelm Rehberg (1757-1836), Staatsmann in Hannover, »Seele der ständischen Reform«, 1820 vom Adel gestürzt; danach in Dresden.
[3] Henriette von Arnstein (geb. 1780 in Berlin, gest. 1879) heiratet 1802 in Wien den Bankier Heinrich Pereira (1773-1835); Adelheid soll die 1814 geborene Tochter Flora erziehen.
[4] Karoline Pichler (1769-1843) erwähnt als Gäste: den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, den Bildhauer Thorvaldsen, den Publizisten und Kritiker Wolfgang Menzel, den Orientalisten Hammer-Purgstall, den Historiker Mailath, die Dichterinnen Helmine Chézy und Josephine Perin sowie Grillparzer.
[5] Apollonius von Maltitz (1796-1870), Diplomat und Schriftsteller.
[6] Holtei, Briefe An Ludwig Tieck, 2.Bd, Brief vom 22.2.1839
[7] Ludwig Tieck erwähnt im Zusammenhang mit Adelheid Reinbold folgende Namen: Friedrich von Raumer (1781-1873), Professor der Staatswissenschaft und Schriftsteller; Eduard von Bülow (1803-1853), Schriftsteller; Alexander (?) von Ungern-Sternberg (1806-1868), Schriftsteller; Ida von Lüttichau (1798-1856), Freundin und Vertraute von Ludwig Tieck; Frau von Locquestie, Malerin; Jakob von Kraus, österreichischer Generalkonsul und Frau, »feine Kenner der Kunst«.
[8] Frau von Miltig? Brieffragment im Nachlaß.
[9] Historische Grundlage: König Sebastian unternimmt einen Feldzug gegen die »ungläubigen« Mauren, der in der furchtbaren Niederlage bei Alkazar 1578 endet, wo 12000 »christliche Streiter« den Untergang fanden.
Daß der König die Schlacht unerkannt überlebt hat, ist historisch nicht erwiesen.
Das Thema war aktuell geworden durch die Eroberung Algiers durch die Franzosen ab 1830, durch die Verfassungsunruhen in Portugal und Brasilien und auch durch die Wiederentdeckung und –übersetzung (durch die Romantiker Schlegel und A. v. Humboldt) der »Luisiaden« von Camoens, des Zeitgenossen von König Sebastian. Das Thema wird auch von Tieck in der Novelle »Der Tod des Dichters« behandelt.
[10] Hermann von Friesen (1802-1882), Shakespeare-Forscher und Schriftsteller.
[11] Rudolf Köpke (1813-1870), Historiker und Schriftsteller.
[12] Karl von Holtei (1798-1880), Schauspieler und Schriftsteller.
[13] Dorothea Tieck (1799-1841), Übersetzerin aus dem Spanischen (Cervantes) und Englischen (Shakespeare); viele der unter Ludwigs Tieck Namen bekannten Übersetzungen stammen von Dorothea.
[14] Nur dank dieser Bezeichnung findet sich Adelheid auch in einigen neueren germanistischen Arbeiten (Ralf Stamm, Ulrich Eisenbeiß)
[15] Paul Heyse (1830-1914), Dichter und Novellist; Nobelpreis 1910.
[16] Karl Leberecht Immermann (1796-1840), Schriftsteller. Münchhausen erschien im September 1838.
[17] Berthold Auerbach (1812-1882), Schriftsteller; die Schwarzwälder Dorfgeschichten erschienen ab 1843.
[18] In: Edwin Zeydel, Ludwig Tieck und das Biedermeier. Germanisch-romanische Monatsheft 1938.
[19] Ihre Informationen über Landschaft, Sitten und Gebräuche sind dem 1804 erschienenen Band von Benjamin Bergmann »Nomadische Streifereien unter Kalmücken« und den darin enthaltenen mongolischen Erzählungen »Ssidi-Kür« entnommen.