Noch einmal Adelheid Reinbold

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen, und Adelheid ist der Vergessenheit entrissen. Eine kommentierte Ausgabe ausgewählter Novellen im Thelem-Verlag Dresden ist 2025 erschienen, eine kritische Edition ihres „Masaniello“-Dramas (das mir entgangen war) sowie der Briefwechsel mit von Maltitz u.a.

Dieses Wiederauftauchen von Adelheid Reinhold geschah auf höchst merkwürdige amüsante Art, die Stoff für eine Novelle bieten könnte.

Hier die Schilderung der Entdeckung durch die Entdeckerin Kerstin Marasch, Dresden, mit der Überschrift:

„Fräulein aus Hannover – das Übrige unbekannt“ (Eintrag im Kirchenbuch zu ihrem Tod)

 

Nun, eine Schriftstellerin entdeckt man am besten übers Lesen. Wo aber anfangen? In diesem Falle – ganz woanders.

Ein paar erklärende Worte vorangestellt: Die beteiligten Personen sind auf einem Friedhof engagiert und Laien. Ihre primäre Aufgabe ist die Pflege des Grünenden und Blühenden auf diesem Friedhof. Genauer gesagt, auf dem Eliasfriedhof zu Dresden. Dieser Friedhof ist in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit. Zum einen ist er geschlossen und dies seit 1876. Das bedeutet, seit dieser Zeit wurden hier keine Begräbnisse mehr vorgenommen. Zum anderen ist er noch erhalten, was genau genommen einem Wunder gleicht. Beides zusammen ergibt einen Friedhof, der Zeugnis ablegt von der Bestattungskultur des 18. Und 19. Jahrhunderts. Die dritte Besonderheit ist eine umfangreiche Dokumentation der Belegung der einzelnen Gräber aus der Zeit kurz vor der Schließung. Alle drei Faktoren waren notwendig, um eine Schriftstellerin wieder zu entdecken.

Und natürlich das Lesen. Nur war eine der beteiligten Personen, nennen wir sie die Leserin, nicht auf der Suche nach einer Schriftstellerin. Sie suchte eigentlich Schauspieler, denn diese hatte sie sozusagen unter ihre Obhut genommen und erforscht. Warum, das ist eine ganz andere Geschichte.

Aber da über Schauspieler des frühen 19. Jahrhunderts kaum etwas im Internet zu finden ist, greift man in diesem Fall auf Bücher zurück, bevorzugt auf alte Bücher. Müßig zu sagen, dass diese Suche erfolgreich war. Und wenn sie schon mal die passenden Textstellen in einem dieser Bücher über die Theaterwelt von Dresden gefunden hat, legt sie es nicht einfach beiseite, sondern liest noch ein wenig links und rechts. Und dort, um genau zu sein, drei Seiten weiter, wird die Theaterwelt kurz zu Gunsten der Literatur verlassen und der Kreis um Ludwig Tieck in Dresden beschrieben und auch namentlich benannt. Und wie eigentlich immer erzeugt so eine Liste von in Dresden wirkenden Personen bei der Leserin eine unwiderstehliche Neugier und die diese stets begleitende Frage: Liegt eine dieser Personen vielleicht auf dem Eliasfriedhof begraben?

Nun, die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber nicht gleich Null. Und eine halbe Stunde und einige Suchen in der Belegungsdokumentation später, stand die Leserin in der Tür und sprach zu ihrem Lebensgefährten: „Wir haben eine Schriftstellerin auf dem Friedhof!“ Es war der 28. Dezember 2023. Der Lebensgefährte, den Freunden des Eliasfriedhofs auch als „der Gräber“ bekannt, da er mit Leidenschaft und Erfolg sowohl überwucherte Gräber als auch Informationen ausgräbt, setzte sich auf diese Fährte und drei Tage später gab es die ersten Berichte.

Ihr Name ist Adelheid Reinbold. In der Belegungsdokumentation wird sie als „Fräulein aus Hannover“ geführt. Das ist sie sehr wohl – sie wurde in Hannover geboren und starb unverheiratet. Aber sie war so viel mehr.

Fräulein Reinbold war Erzieherin junger Damen, in Europa herumgekommen; sie sprach Englisch, Französisch und Griechisch, arbeitete für ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familie. Ihre Familie waren ihre Geschwister, denen es nach dem Tod der Mutter beim Vater an ausreichender Aufmerksamkeit mangelte und deren Fürsorge sie übernahm und deren Ausbildung sie finanzierte.

Sie war aber auch eine Schriftstellerin, ihr Metier waren Novellen, die ein überaus romantischer Charakter prägte, ganz im Geiste ihrer Zeit. Sie hatte als junge Frau im Hause ihrer Arbeitgeber in Wien, der Bankiersfamilie Heinrich und Henriette von Pereira-Arnstein die Gelegenheit, an Salons teilzunehmen und machte hier erste Bekanntschaft mit literarischen Kreisen. Ihre ersten eigenen schriftstellerischen Versuche stammen aus dieser Zeit. Während eines ersten Aufenthalts in Dresden machte sie Bekanntschaft mit Ludwig Tieck, der sie förderte, in seinen Kreis aufnahm und auch verlegte. Natürlich nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Franz Berthold.

Die Freundschaft zu Tieck und dessen Familie hielt bis zu ihrem plötzlichen Tod im Alter von 39 Jahren. Erst posthum veröffentlichte Tieck ihr letztes Werk und lüftete bei dieser Gelegenheit das Geheimnis ihres Schaffens.“

K.M.